Neuseeland 2 - Der Süden des Nordens - Bettina & Rolf Sparthmann unterwegs!

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Neuseeland - Dezember 2015 bis Januar 2016
Der Süden des Nordens

Von Whangarei nach Tongaporuto

Am 23. Dezember 2015 verlassen wir Whangarei und den wunderbaren Standplatz an der Marina im Town Basin. Unser Ziel ist der Muriwati Regional Park an der Westküste. Zum ersten Mal hat hier ein Ranger Bedenken, uns mit unseren großen Reifen auf seiner Wiese campen zu lassen. Rolf kann ihm jedoch glaubhaft versichern, dass es sich bei unserem Fahrzeug um die für sensible Ackerböden gemachte Agrar-Ausführung handelt, die weniger Schaden anrichtet als ein Wohnmobil mit Micky Maus-Rädern ….! Wir dürfen bleiben. An dieser Stelle der Küste erwartet uns eine besondere Attraktion: Wir laufen zuerst über schwarzen Sandstrand, später oberhalb der Klippen bis zu Felsen, auf denen eine Kolonie Australtölpel brütet. Gewöhnlich brüten Tölpel auf Inseln, so dass man sie nur schwerlich beobachten kann. Hier jedoch sitzen Hunderte, wenn nicht Tausende der Vögel dicht aneinander gedrängt in einer Festlandkolonie. Im August eines jeden Jahres kommen die Vögel in die Kolonie, um ein einziges Ei zu legen und ihre Jungen aufzuziehen. Einige Vögel sitzen noch auf ihrem Ei, bei anderen Paaren ist das Jungtier bereits größer als die Eltern. Es herrscht ein ziemliches Gedränge auf den Felsen. Ein Wunder, dass alle ihr Nest wiederfinden! An Land bewegen sich die Vögel schon recht tölpelig, aber ihre Eleganz beim Fliegen (und Fischen) ist beeindruckend. Sobald die Jungtiere flugfähig sind, beginnt ihre erste große Reise ins 2000 km entfernt liegende Australien, wo sie für vier bis fünf Jahre bleiben, um dann für immer in das Seegebiet ihres Schlüpfens zurückzukehren. Auch eine Seeschwalben-Kolonie ist hier zu Hause, und die kleinen Vögel verteidigen vehement ihr Revier gegen die Tölpel, die tölpelig den Landeplatz verwechseln. In der Brandung unterhalb der Vogelfelsen warten derweil Surfer auf die perfekte Welle.

Am nächsten Tag machen wir einen langen Schlag nach Süden über Auckland bis Hamilton und von dort wieder an die Westküste bis Raglan, wo wir den Heiligabend im Regen verbringen. Aber schon am nächsten Tag scheint wieder die Sonne, so dass wir die kurvenreiche, aber fantastische Schotterstrecke an der Küste entlang oberhalb der Klippen und durch Regenwälder richtig genießen können. Manchmal berührt die Piste den Strand, dann wieder tief eingeschnittene Schluchten und immer wieder Farmland. Wilde Tiere gibt es in Neuseeland kaum, so dass oft freilaufende Bio-Kühe und Schafe als Fotoobjekte dienen müssen. An einem wunderschönen Stellplatz an einem kleinen Fluss bringt uns der Farm-Nachbar frisch filetierten Redsnapper (die Küste ist nicht weit) für unser Abendessen - köstlich. Wir erreichen den kleinen Ort Kawhia. Hier liegt in der Dünen- und Strandzone ein Geothermalgebiet, und bei Te Puia kann man bei Ebbe auf Warmwasserquellen stoßen. Barfuss auf dem heißen schwarzen Sand zum Wasser zu laufen, ist unmöglich, man würde sich die Füße verbrennen. Bettina gräbt in der Brandungszone eine flache Grube und versucht, einen Warmwasserauslass zu finden - was nicht einfach ist, da die Brandung immer darüber hinwegrollt. Aber dann - Erfolg, und nach Schwefel riecht es auch! Überhaupt ist die Übung eher etwas für den Winter, denn wir haben heute 26 C Lufttemperatur!

In Tangaporutu erwartet uns nicht nur ein sehr schöner Standplatz, sondern auch eine landschaftliche Attraktion: Bei Ebbe laufen wir entlang des gleichnamigen Flusses bis zur Mündung ins Meer, wo die White Cliffs beginnen. Bizarre Kalksteinformationen ziehen sich die Küste entlang. Von den sog. „Three Sisters“ gibt es leider nur noch zwei – einer von drei Felstürmen in der Brandung, steil und nur teilweise bewachsen, ist vor einigen Jahren ins Meer gestürzt. Die Brandung hat im Laufe der Jahre tiefe Höhlen und Tunnel in die Klippen getrieben. Einige Felswände sind mit giftgrünem Seegras bewachsen, das in der Sonne neonfarben leuchtet. Wunderschön ist es hier!
Von Tongaporuto nach Napier

Die nächst größere Stadt ist New Plymouth, die für uns wenig attraktiv ist. Aber im Pukekura Park direkt neben unserem Standplatz findet gerade das Festival of Lights statt, und am Abend erstrahlen der Park, Pflanzen und Teiche in leuchtend bunten Farben der Lichtspiele. Eine Band sorgt mit einer Art Country- und Western-Music à la New Zealand für gute Unterhaltung. Die Stadt ist auch unser Ausgangspunkt zum Mt. Egmont Nationalpark, dessen Highlight der perfekt geformte 2.518 m hohe Vulkan Mt. Taranaki ist. Schon von weitem zeigt sich der Schnee bedeckte Gipfel, dem wir auf unserer Wanderung immer näher kommen. Unterwegs begegnet uns ein Neuseeländer, nicht mehr ganz taufrisch, der schon früh am Morgen mit seinen Skiern auf dem Rücken zum Gipfel aufgestiegen ist, um auf der anderen Seite 400 m abzufahren. Nur, um erneut aufzusteigen, um auf dieser Seite 600 m wieder abzufahren, und der nun auf dem Fußrückweg ist. Leider können wir es ihm nicht gleichtun, da wir unsere Ski-Ausrüstung nicht dabei haben. So ein Pech aber auch! Auf einem Parkplatz in 1000 m Höhe übernachten wir mit super Ausblick auf den Berg und das Land unter uns.

Über Stratford und Hawera gelangen wir bei der hübschen Kleinstadt Wanganui wieder an die Küste. Hier erleben wir den Jahreswechsel, allerdings ohne großes Feuerwerks- oder sonstige Spektakel. Ganz im Gegenteil – wir haben Mühe, ein offenes Restaurant zu finden, damit die heimische Küche kalt bleiben kann – die Neuseeländer gestalten den Jahresübergang (wie übrigens auch Weihnachten) äußerst schlicht! Neben einigen schönen Bauten aus der Gründungszeit mit neo-klassizistischen Fassaden ist das Regional Museum mit einer großen Anzahl an Maori-Kunstwerken sowie einer Sammlung von Maori-Porträts des Malers Gottfried Lindauer das wirkliche Juwel. Auch die weiteren Abteilungen sind sehr gut aufbereitet und klar gegliedert. Für uns ist (und bleibt) es eines der besten Museen auf der Nordinsel. Die Stadt ist auch Ausgangspunkt für eine Fahrt in den Wanganui Nationalpark im Norden, durch den sich der gleichnamige Fluss schlängelt. Wir folgen der kurvenreichen, engen, durch weggerutschte Straßenabschnitte teils sehr engen Strasse, die bei uns zu Hause für Fahrzeuge unserer Größe schon lange gesperrt worden wäre. Die Insassen einiger Fahrzeuge, die wir in einer Ausweichbucht haben überholen lassen, warten an einer besonders lang und heftig weggerutschten Engstelle mit gezückten Kameras auf uns, um unseren Absturz in den Fluss möglichst schnell auf YouTube zu beamen! Nun ja, wir sind ja Anden-gehärtet. Aber richtig ist, dass Bettina während der Fahrt leider nicht mehr zum Stricken kommt. Da Rolf auf der „falschen“ Seite sitzt, hat sie in Linkskurven immer ein scharfes Auge auf den Gegenverkehr. Das Stricken mit kompliziertem Zopfmuster ist passé.

Wir fahren hier durch Maori-Land: In diesem ländlichen Teil Neuseeland sind die ersten Siedler Neuseelands nie gänzlich von den 800 Jahre später eintreffenden europäischen Siedlern von ihrem Land vertrieben worden. Die winzigen Dörfer, durch die wir kommen, sind dediziert „Maori“ – Versammlungshäuser, Schnitzereien, Hautfarbe und Gesichtszüge der wenigen hier lebenden Menschen. In Pipiriki endet die Straße. Weiteres Vordringen in den Nationalpark ist nur auf dem mit 300 km längsten schiffbaren Fluss Neuseelands möglich. Wir bleiben auf einem von Maoris geführten Campingplatz und buchen für den nächsten Tag eine Jetboot-Tour. Unsere Hoffnung auf trockenes Wetter erfüllt sich nicht. Die meist (zu) rasante Fahrt führt durch die sehr engen Schluchten des Flusses, in denen Regen und Wind uns entgegenpeitschen. Wir sind nicht unglücklich, als wir das Ziel unserer Bootstour und anschließender Wanderung durch den Regenwald, die „Bridge to Nowhere“ erreichen: Eine überdimensionierte Betonbrücke aus der Mitte der 1930er Jahre, die den einst hier ansässigen Farmern den bis dato nur über den Fluss möglichen Zugang zu ihren Ländereien erleichtern sollte. Tatsächlich waren aber schon bei Baubeginn viele Farmen in diesen Tälern als Folge der Weltwirtschaftskrise aufgegeben worden. 1942 ließen schwerste Unwetter ein Drittel der Straße in die Täler abrutschen. Der Straßen- und Brückenunterhalt wurde eingestellt, und auch die letzten zähen Knochen, die noch ausgeharrt hatten, wurden staatlicherseits gezwungen, ihre Ländereien aufzugeben. Sie erhielten ersatzweise neues Staatsland in anderen Teilen Neuseelands. Die Natur holte sich fast alles zurück. Heute wächst auf ehemaligen Weiden wieder dichter (Sekundär-)Regenwald, und statt der Straße gibt es nur noch einen schmalen Pfad, auf dem wir wieder zurück zum Jetboot wandern. Der Regen hat nachgelassen, manchmal kommt die Sonne hervor. Damit wir jedoch endgültig bis auf die Unterhose nass werden, beglückt uns der Bootsführer dreimal mit zirkusreifen 360 Grad-Drehungen auf dem Wasser, ein Manöver, für das der Wasserstrahlantrieb dieser Boote prädestiniert ist. Wir nehmen es mit Humor. Und die nasse Kleidung trocknet dann wieder zu Hause im Wind rasend schnell.

Um zum Tongariro Nationalpark zu gelangen, geht es durch die Berge nach Nordosten. Das aktive Vulkangebiet liegt im Zentrum der Nordinsel und gehört seit 1991 zum UNESCO-Welterbe. Von den drei Hauptgipfeln ist der Mt. Ruapehu mit 2.797 m der höchste. Während der nächsten Tage erkunden wir das Gebiet auf verschiedenen Wanderungen, und wir haben sehr viel Glück mit dem Wetter. Der schneebedeckte Gipfel des Mt. Ruapehu und der perfekt ebenmäßig geformte Kegel des Mt. Ngauruhoe (das kann, wie so viele andere Maori-Namen auch, niemand aussprechen) präsentieren sich uns wolkenfrei. Wir wandern durch Scheinbuchenwälder und am Wairere-Fluss entlang, der bei den Taranika Falls über eine erstarrte Lavawand in einen Pool stürzt. Zwei große Ski-Zentren sind im Winter ein El Dorado für Wintersportler - anhand der riesigen Parkplätze und der unzähligen Lifte kann man den Trubel erahnen. Oberhalb der Baumgrenze gedeihen auf dem Vulkangestein nur noch wenige Gebirgspflanzen. Eine davon ist das sog. Vegetable Sheep („Gemüseschaf“), eine graue Polsterpflanze, die über die Felsen kriecht und aus der Entfernung wie ein liegendes Schaf aussehen kann. In dieser bergigen Landschaft aus Vulkangestein und steilen Felsen entstanden einige Szenen aus den „Herr der Ringe“-Filmen. Es fällt uns nicht schwer, sich hier Mordor vorzustellen, der unwirtliche und unfruchtbare Teil von Mittelerde, wo die Hobbits auf ihrem strapaziösen Weg zum Schicksalsberg wanderten. Unser Nachtplatz liegt auf 1.600 m unter dem Mt. Ruapehu. Früh am Morgen lassen wir uns vom Sessellift auf 2.200 m bringen, machen eine Schneeballschlacht und frühstücken im höchsten Café Neuseelands. Zurück in dichterer Luft auf nur noch 600 m, am Fuß des Mt. Ruapehu, liegt das 1920 erbaute vornehme Hotel „Chateau Tongariro“, in dessen elegantem Café wir uns zu High Tea niederlassen. Das Service-Personal muss noch ein wenig dazulernen, aber die Gurken- und Lachs-Sandwiches und die süßen Leckereien sind gar köstlich (kleiner Finger abgespreizt – man muss sich seiner Umgebung eben anpassen).

Rundum zufrieden verlassen wir den Park Richtung Norden zum Lake Taupo. Neuseelands größter See ist ca. 185 m tief und liegt an der tiefsten Stelle einer riesigen Caldera, die vor ca. 2.000 Jahren durch eine gigantische Eruption entstand. Der See ist ein El Dorado für Forellenangler. Forellen kann man übrigens in Neuseeland nicht kaufen! Sie dürfen z. B. in Restaurants nur serviert werden, wenn man sie selbst geangelt oder von einem Angler geschenkt dem Koch in die Hand drückt (durchaus üblich). Warum das so ist, haben wir bisher nicht herausfinden können. Das Südende des Sees bildet eine kleine Bucht, die von Schwarzschwänen bevölkert ist. Am Nordende liegt die sehr touristische und wenig sehenswerte Stadt Taupo. Und hier liegt auch der Ausfluss des Waikato River, der 425 km weiter nördlich in die Tasman-See fließt. Auf einem Felsen hoch über dem Fluss befindet sich eine Bungy-Anlage. Von einer 20 m über den Fluss kragenden Plattform wagen viele den 170 $ teuren Sprung in die Tiefe mit oder ohne Water Touch (Eintunken). Das wird vorher abgesprochen und die Länge des Seils entsprechend eingestellt – und kostet 20 $ mehr. Beim Zuschauen glauben wir, die Gelenke knacken zu hören. Vielleicht kann man sich so den Gang zum Chiropraktiker ersparen? Von unserem schönen Standplatz am Fluss laufen wir zu den Huka Falls. Der Waikato zwängt sich hier durch das auf einem kurzen Abschnitt sich verengende Flussbett, um dann über einen 10 m-Felsen hinabzustürzen. Es rauscht und brodelt gewaltig.

Wir verlassen Taupo bei starkem Regen und Wind Richtung Südosten durch die Berge der Ahimanawa Range, von denen wir nicht viel sehen. Je näher wir der Küste kommen, desto besser wird das Wetter wieder. Neuseelands Wetter ist ganz schön verrückt! Bei Sonnenschein erreichen wir die an der Hawke Bay gelegene Stadt Napier und finden einen an der Strandpromenade perfekt gelegenen Stellplatz im fußläufigen Bereich zur Innenstadt. Dass es hier direkt neben der Hauptstrasse ungewöhnlich leise ist, erklärt sich durch ein Radrennen, das an diesem Wochenende stattfindet. Viele Strassen sind dafür gesperrt - gut für uns! 1931 wurde Napier durch ein schweres Erdbeben erschüttert und das Zentrum fast total zerstört. Während des Bebens hob sich der Boden um ca. 2 m, so dass sich Meeresteile in Land verwandelten und die Stadtfläche beträchtlich wuchs. Aber Napier wurde schnell wieder aufgebaut, ganz im Art Deco-Stil der ausgehenden 1920er, beginnenden 1930er Jahre. Dieser Stil begegnet uns in den nächsten Tagen auf Schritt und Tritt, ob in den Fassaden der Gebäude oder in den Läden, in denen man alles kaufen kann, was die „Goldenen 20er“ ausmachte. Touristenführer tragen die passende Kleidung, und Touristen werden in Oldtimern durch die Stadt gefahren. Wir erkunden die hübschen Wohngebiete, prachtvollen Gärten und die Uferpromenade. In den Hotpools mit ca. 32 Grad Wassertemperatur folgt die Entspannung. Als am dritten Tag zwei Kreuzfahrtschiffe im Hafen anlegen und die Stadt von Urlaubern regelrecht überflutet wird, flüchten wir wieder ins Inland.
Von Napier nach Wellington

In Woodville gibt es im legendären Cafe „Yummy Mummy’s“ diverse Variationen eines köstlichen Käsekuchens. Das lassen wir uns nicht entgehen. Durch Farmland entlang der Tararua Range folgen wir der Strasse bis zum Lake Wairarapa, mit ca. 80 qkm der drittgrößte See Neuseelands, der von Feuchtgebieten umgeben und nur an wenigen Stellen zugänglich ist. Wir bleiben auf einem schönen Platz auf einer großen Wiese am See. Später peitscht ein heftiger Wind über das Wasser, wir fühlen uns ans Meer versetzt. Den südlichsten Punkt der Nordinsel erreichen wir über die Küstenstraße an der großen Palliser Bay. Es ist ein traumhafter Küstenabschnitt mit in der Sonne glänzenden schwarzen Sandstränden, bizarren Felsformationen und dem Gebirgszug des Black Mountains im Hintergrund. Im kleinen Fischerdorf Ngawi werden die Fischerboote von ziemlich verrosteten Traktoren/Planierraupen auf selbstgebastelten Trailern ins Meer geschoben und nach der Rückkehr vom Fischfang wieder herausgezogen. Am Ende der öffentlichen Piste erhebt sich auf einem Felsplateau ein historischer Leuchtturm von 1897, der noch heute ein wichtiges Seezeichen darstellt. Nach Erklimmen der steil hinauf führenden 250 Stufen bietet sich uns ein fantastischer Ausblick auf die riesige Bucht. Dieser Küstenabschnitt ist gleichzeitig die Heimat der größten Pelzrobben-Kolonie auf der Nordinsel. Die putzigen kleinen Robben, die ab Mitte November bis Januar zur Welt kommen, machen uns viel Freude. Mütter und Nachwuchs bleiben ca. 1 Jahr in der Brutkolonie, die meisten Väter verschwinden, nachdem sie ihren Teil zur Fortpflanzung beigetragen haben. Die sog. Junggesellen-Kolonie hat ihren eigenen Platz zwei Kilometer weiter an der Küste, und hier geraten die Halbstarken schon mal aneinander. Wir haben großes Glück, denn ein Seeelefant hat sich am Strand niedergelassen, was so weit nördlich äußerst selten vorkommt. Das riesige graue Tier (wir haben es „Gandalf der Graue“ getauft) mag wohl an die 4 bis 5 m lang sein und ca. 1 to wiegen. Sein massiger Körper liegt zwischen den Felsen hingestreckt. Stundenlang liegt es so da, hebt nur ab und zu seinen Kopf und schnaubt durch die Elefantenrüssel-ähnliche Nase. Wir halten Abstand, denn wir wissen, wie schnell sich diese Tiere trotz ihres Gewichtes urplötzlich bewegen können, welche Kraft in ihnen steckt! Am Abend erreicht die Flut ihren Höchststand. Geduldig wartet Gandalf auf die großen Wellen, die seinen Körper schließlich erreichen und ihn immer wieder kurzzeitig anheben, so dass er sich vergleichsweise mühelos der Brandungszone nähern kann. Und dann ist es geschafft: Die ultimative Welle hebt ihn vollständig an, und das massige Tier gleitet mühelos ins Wasser und zieht elegant seine ersten Kreise. Es bleibt noch eine Weile in der kleinen Bucht, bevor es ins tiefe Wasser und unseren Blicken entschwindet. Ein tolles Erlebnis!

Die Steinformationen der Putangirua Pinnacles sind eine weitere Attraktion an dieser Küste. Die Wanderung dorthin führt uns durch ein nur wenig Wasser führendes steiniges Flussbett, immer weiter hinauf zu den gewaltigen beeindruckenden Zinnen, die bereits vor Tausenden von Jahren durch Auswaschungen von Schlamm und Sand aus einem Sedimentgestein entstanden. Nur das härtere Gestein blieb stehen. Es gibt keinen Zweifel: Hier ritt Aragorn zur Armee der Toten! Verschwitzt und eingestaubt springen wir am Auto unter unsere Außendusche, genießen bei prächtigem Wetter kalten Kakao. Am nächsten Morgen kommt ein heftiger Wind auf. Das Nachbarzelt ist zerrissen, die Wohnanhänger schaukeln bedenklich, und in der Bucht steht eine beeindruckende Welle! Wir folgen der Küstenstraße zurück, gelangen in ein hügeliges Farmland und schließlich in die Weinanbaugebiete der Wairarapa Region. Hier um den kleinen Ort Martinborough liegen die ältesten Weingüter der Gegend, die wegen des fast ständig heftigen Windes durch Hecken geschützt sind. Im Ort stehen einige hübsche alte Gebäude und das historische Martinborough Hotel, wo wir am Abend köstlich speisen und Wein aus der Region genießen. Am nächsten Tag geben wir unseren Plan auf, in den Kaitake Regional Park zu fahren. Die Berge der Rimutaka Range hüllen sich in Nebel, und es regnet.
Wellington

Wir fahren weiter bis Wellington, Neuseelands Hauptstadt seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, als nach Protesten der Südinselbewohner die Hauptstadt von Auckland Richtung Süden verlegt wurde. Ca. 12 km vor dem Stadtzentrum stehen wir seit langem einmal wieder auf einem konventionellen Caravan Park. Das gibt uns Gelegenheit zum Wäschewaschen. Ein Bus, der uns in die Innenstadt bringt, hält ganz in der Nähe. Wellington liegt ziemlich in der Mitte von ganz Neuseeland und ist mit ca. 500.000 Einwohnern (inkl. Umland) eine recht kleine Hauptstadt. Wir genießen die Stadt und das gute Wetter, lassen uns durch die Straßen mit den erstaunlich vielen hübschen Gebäuden im viktorianischen Stil treiben, schlendern an der Promenade des alten Hafengeländes der Queens Wharf entlang und bewundern die vielen Skulpturen, deren Sinn sich uns nicht immer erschließt. Angeblich hat sich Neuseeland zum besten Kaffeemacher der Welt gemausert, und in Wellington gibt es eine regelrechte Kaffee-Szene. Und tatsächlich schmeckt uns der Flat White in einem kleinen Café ganz ausgezeichnet. Und das, obwohl Bettina eigentlich keinen Kaffee trinkt. Das so hochgelobte Te Papa Museum begeistert uns nicht. Bis auf die Ausstellung der Maori-Artefakte empfinden wir alles sehr auf spielerische Effekte getrimmt und unstrukturiert. Ausgestellt ist auch ein Riesentintenfisch, der Ende der 1980er in das Netz eines Fischerbootes geraten ist. Nun hat der arme Kerl es geschafft, so alt und groß (immerhin 5 m!) zu werden, um letztendlich in einem formalingefüllten Becken enden zu müssen. Schon traurig!

Eine kleine Attraktion ist der Cable Car, der uns in nur 5 min von der City zum 120 m höher gelegenen Aussichtspunkt mit Blick über die Bucht und Stadt bringt. In einem kleinen Museum wird seine Geschichte dargestellt. Ein besonders schöner Spaziergang führt uns durch den Botanischen Garten und den alten Friedhof aus der Gründungszeit wieder hinunter in die Stadt. Bettina als Tolkien-Fan darf natürlich auf keinen Fall versäumen, das kleine Museum „Weta Cave“ im Halbinsel-Stadtteil Miramar zu besuchen, das direkt neben „Weta Workshop“ liegt – eines der Unternehmen, das maßgeblich die Tricktechnik zur Trilogie „Herr der Ringe“ beigesteuert hat. Selbstverständlich begleitet Rolf sie dorthin, denn vor dem Eingang warten Trolle und im Museum Orks und Golum in Lebensgröße auf zart-knusperige Opfer! In einem Video erhalten wir Einblicke in die aufwändige kreative Arbeit von Weta, in deren Studios unter der Regie von (inzwischen Sir) Peter Jackson nicht nur Filme wie „Herr der Ringe“, sondern auch „Der Hobbit“, „Avatar“ u. a. entstanden sind. Die hier ausgestellten und zu erwerbenden Film-Sammlerstücke (Figuren, Waffen, Schmuck etc.) sind wahrhaftig kleine, aber extrem teure Kunstwerke. So soll ein Schwert mal eben 1000 $ kosten! Und eigentlich wollen wir einen Gandalf-Hut für ein paar Jux-Fotos kaufen, aber bei 308 $ für ein Stück grauen Filz hört der Spaß auf! Alles in allem aber ist der Besuch ein Riesenspaß.

Morgen werden wir Wellington und damit die Nordinsel mit einer Fähre verlassen. Die Nordinsel hat uns sehr gut gefallen, aber alle Neuseeländer, mit denen wir über unsere Reisepläne sprechen, schwärmen von der unübertroffenen Schönheit der Südinsel. Ob das nun stimmt – Ihr werdet es im nächsten Bericht erfahren!



Bis dahin viele Grüße,
Bettina & Rolf

(Nelson/Neuseeland, im Januar 2016)
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