Durch Guatemala - Bettina & Rolf Sparthmann unterwegs!

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Sportliche Ertüchtigung in den Yaxha-Ruinen
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Durch Guatemala

Dezember 2017 - Januar 2018

Über die Grenze nach Huehuetenango

 
Es geht endlich wieder einmal in ein uns unbekanntes Land, und wir sind sehr gespannt, was uns dort erwartet. Die mexikanischen Grenzformalitäten sind ein 5 Minuten-Klacks, auch, weil wir nach Mexiko zurückkehren werden und unseren Wagen nicht ausklarieren müssen. Der Grenzort in Guatemala, La Messilla, ist ein einziger Straßenmarkt (obwohl heute kein Markttag ist!) und das Hindurchfädeln für uns entsprechend mühsam. Zunächst passieren wir eine Quarantäne-Kontrolle: Einer unserer Reifen wird zur Hälfte besprüht, wir erhalten immerhin eine Quittung über 7 Quetzal (Landeswährung, benannt nach Guatemalas mehr oder weniger ausgerottetem Nationalvogel; 1 EUR = 8,5 Q, Stand Januar 2018). Die Einreiseformalitäten für uns und das Fahrzeug ziehen sich hin, da wir von einem Kiosk zur nächsten Zuständigkeit geschickt werden und so manchen Kiosk auch mehrfach besuchen müssen. Dabei sind wir das einzige Fahrzeug, das einreisen will! Nach einer Stunde haben wir alle nötigen Dokumente in Händen und 90 Tage Aufenthaltserlaubnis für uns und unseren Wagen. Der Straßenmarkt (andere Reisende berichteten, dass die Chancen, an einem Markttag durch den Ort zu kommen, gleich Null sind) zieht sich noch einige Kilometer hin, die wir im Kriechgang zurücklegen.

Endlich erreichen wir hinter La Messilla die Panamericana (Ca-1), die uns durch ein enges Tal entlang des Rio Selegua in die Berge bringt. Alles ist dicht besiedelt ‑ wir sind im bevölkerungsreichsten Staat Zentralamerikas: Die Bevölkerungsdichte in Guatemala ist doppelt so hoch wie in (Festland-)Mexiko, das wir schon als überbevölkert empfunden haben. Ab ca. 1000 m Höhe beginnt der Kaffeeanbau. Jede noch so kleine Fläche ist mit Kaffeesträuchern bepflanzt, und an den Straßenrändern werden Setzlinge angeboten. Melonen haben Saison. Die leidigen Topes (Stolperschwellen quer über die Straße zur Disziplinierung der Autofahrer) heißen hier nun „Tumulos“, sind aber keinen Deut besser. Im Gegenteil: Weil sie höher und „schärfer“ ausgeformt sind, heißt es für uns immer ’runter in den 2., manchmal sogar 1. Gang! Die Straße windet sich die Berge hinauf, und wir erreichen Huehuetenango auf 1.900 m Höhe, wo wir übernachten. Die Stadt ist nicht sehenswert, enge Strassen, viel Verkehr. Überall stehen mit Schrotflinten bewaffnete Sicherheitsleute, selbst vor Supermärkten und Restaurants. Wir nutzen den Aufenthalt zur Geldbeschaffung und zum Kauf einer SIM-Karte.

 Am Lago de Atitlan
 
Auf unserem Weg zum Lago de Atitlan geht es am nächsten Tag durch die Berge bis auf 3.000 m hinauf. Die Straße ist auf weiten Abschnitten sehr gut ausgebaut, aber die schlechten sind wirklich übel. Tumulos wären hier vollkommen überflüssig. Die Berghänge sind für den Anbau von Kaffee und Mais stark entwaldet. Der Bauboom ist auffällig: Auf jedem noch so kleinen verfügbaren Fleck entstehen neue Häuser, auch, wenn dafür das Bauland durch Abtragen eines Stücks vom Berg erst noch geschaffen werden musste. Ein überwiegender Teil der Frauen trägt traditionelle Indio-Kleidung. Bald werden die ersten bis zu 4.000 m hohen Vulkane sichtbar.

Wir erreichen Solola, einen kleinen Ort auf 2.100 m Höhe oberhalb des Lago de Atitlan. Von Solola aus windet sich die Straße auf nur 6 km 600 Höhenmeter zum See hinunter – Rolf liebt seine Motorbremse ‑, der während der kurvenreichen Fahrt immer ’mal wieder zu sehen ist. Wir erreichen den See-Hauptort, Panajachel, und finden einen wunderschönen, direkt am Ufer gelegen Campingplatz. Für die nächsten sieben Tage ist das nun unser Domizil. Der Lago de Atitlan ist eine von Vulkanen umgebene riesige Caldera. Sie entstand, als es vor 85 Mio Jahren eine massive Eruption gab. Die Caldera füllte sich im Laufe der Äonen mit Wasser und bildet heute den 18 x 8 km großen und ca. 300 m tiefen See. Das südliche Ufer des Sees dominieren vier bis zu 3.600 m hohe Vulkane, die nicht aktiv sind und eine fantastische Kulisse bilden.

Am nächsten Tag ist Markttag im Solola, und wir stürzen uns in unser erstes Guatemala-Bus-Abenteuer: Mit dem sog. Chicken-Bus fahren wir wieder den Berg empor. Es sind alte ausrangierte amerikanische Schulbusse, die meistens liebevoll dekoriert und bunt bemalt sind. Ob sich die Bremsen der gleichen Aufmerksamkeit erfreuen, entzieht sich unserer Kenntnis. Der Markt in Solola ist riesig. Er ist voller Menschen, und die engen Pfade zwischen den Verkaufsständen machen das Durchkommen schwierig. In der Hauptsache ist es ein Markt für die Bevölkerung, für den täglichen Bedarf, auch wenn einige Souvenirs angeboten werden. Die Indios unter den Marktbesuchern überwiegen bei weitem und nicht nur Frauen, auch Männer tragen häufig Trachten. Trotzdem ‑ der kleinere Markt in Panajachel, unserem „Wohnort“, den wir zwei Tage später besuchen, gefällt uns irgendwie besser; weniger überlaufen, weniger Rempeleien, weniger ständige Alarmbereitschaft wegen der wenigen Habseligkeiten, die wir in solchen Volksaufläufen dabei haben (die unverzichtbaren Kameras natürlich außen vor). Wir erkunden Panajachel. Überall wird Handwerkskunst angeboten, wobei bunte Webwaren sowie Taschen und Masken überwiegen. Wir sitzen gemütlich in Cafés, beobachten das Treiben auf den Straßen. Hier ist so mancher Gringo mit grauem Pferdeschwanz „hängengeblieben“. Darauf haben sich die kleinen Supermärkte eingestellt, die erstaunlich gut sortiert sind ‑ sogar leckeren Käse gibt es hier.

Per Boot besuchen wir zwei weitere am See gelegene Orte. Bevor es losgeht, bekreuzigen sich die Einheimischen. Das ist bei dem überfüllten Boot und den wenigen Rettungswesten auch dringend nötig, aber es geht alles gut. In San Pedro la Laguna laufen wir über den Markt und durch wahrhaft engste Gassen, bevor wir uns in einem kleinen Cafe niederlassen. Der guatemaltekische Kaffee der Region, den wir dort schlürfen, zieht uns die Socken aus, und unsere Mägen beschließen spontan, uns die Freundschaft aufzukündigen! Nachdem aus diesen Regionen die ersten Friedensangebote zu vernehmen sind, besteigen wir das Boot zum kleinen Ort San Marcos la Laguna. Dem sagen Esoteriker aus aller Welt spirituelle Energie nach, treten doch genau hier die Kraftlinien der Harburger Berge senkrecht aus dem Boden aus ;-). Und auf genau diese Schiene ist der Ort aufgesprungen: Leider fehlt uns die Zeit für all die Angebote wie Meditations-, Mond- oder Yogakurse, Thai- oder Reflexzonenmassage, Tanzkurse, Singen mit „Michael in der Höhe“ oder die Anfertigung einer echten Rasta-Frisur durch die Hair-Stylistin mit „Studium in Deutschland“. Stattdessen erklimmen wir den den Mayas heiligen Hügel Cerro Tzankujil und erfreuen uns am Ausblick über See und Vulkane.

 In Antigua
 
Nach sieben Tagen verlassen wir den See, haben die fahrfreie Zeit in einer so schönen Umgebung sehr genossen. Auf einer überwiegend gut ausgebauten Straße fahren wir nach Antigua. Unterwegs sehen wir an den Straßenrändern immer wieder bettelnde Kinder ‑ uns wird deutlich, dass 50 % der Bevölkerung in Armut lebt. Landbesitz und damit Wohlstand befindet sich unverändert in den Händen einer Minderheit. Guatemala ist nicht nur ein von Naturkatastrophen, sondern auch ein von einem 36 Jahre andauernden Bürgerkrieg gebeuteltes Land. Erst 1996 wurde ein Friedensabkommen zwischen den sich bekämpfenden Gruppen unterzeichnet. Der sah grundlegende Reformen vor, die bis heute nicht zu erkennen sind. Nach der Unterzeichnung gibt es zwar freie Wahlen, aber korrupte Regierungen haben Verbesserungen für die Bevölkerungsmehrheit ausgebremst. 2016 wurde ein Mann aus dem Non-Establishment zum Präsidenten gewählt – Jimmy Morales, ein bekannter Fernseh-Komödiant. Na ja, auch in anderen Ländern wurden bekanntlich schon Schauspieler in hohe Ämter gewählt. Morales trat mit dem Slogan an, weder korrupt noch ein Dieb zu sein, und die Zukunft wird zeigen, ob er seine Versprechen halten, oder ob die linke Guerilla demnächst wieder zu den Waffen greifen wird.

Je näher wir Antigua kommen, desto häufiger sehen wir einen Vulkan, der immer wieder Rauchwolken ausspuckt. Von den vier aktiven Vulkanen in Guatemala ist dies der passend benannte „Fuego“ südlich von Antigua, der mächtig raucht und auch ganz aktuell Lava und Asche ausstößt. Vom Hügel „Cerro de la Cruz“ blicken wir auf Antigua, dahinter der Hausvulkan „Acatenango“ wie auch der mächtig qualmende „Fuego“. Einen guten, vor allem auch zentrumsnahen Standplatz finden wir auf dem bewachten Parkplatz der Policia Turistica, wo wir uns bei den freundlichen Polizisten sehr sicher fühlen. Einen sehr unterhaltsamen Abend verbringen wir hier mit den Schweizer Overlandern Ruth, Walter und Sohn Stefan und reden dabei natürlich auch über gemeinsame Reisefreunde (Erika und Claude, klingeln Euch die Ohren?). Antigua war einst die Hauptstadt von Spanisch-Guatemala, bis beim großen Erdbeben von 1773 fast alle Verwaltungsgebäude, Kirchen und Klöster zerstört wurden. Nur sehr wenige der noch heute riesigen Gebäude wurden zum Teil restauriert und für die Besucher freigegeben. Trotz der überall sichtbaren Zerstörung ist der einstige Reichtum der Stadt auch heute noch deutlich zu erkennen. Dies vermittelt ganz auffällig der „Paseo de los Museos“: Im einst reichsten Kloster Antiguas „Santo Domingo“ wurden in den Ruinen mehrere interessante Museen errichtet. Auch ein Luxus-Hotel gehört dazu, und niemand kann das dekadente Prickeln beschreiben, neben einer umgestürzten und zerborstenen Säule des alten Kirchenschiffs einen Hühnerschenkel zu verspeisen ….;-). Von den Museen gefällt uns das Glasmuseum besonders gut: Es stellt prä-kolumbianische Keramikobjekte modernen Glasarbeiten gegenüber, für die sich die Künstler von den alten Werken haben inspirieren lassen. Es ist unglaublich, dass dieser gesamte Komplex einst nur ein einziges Kloster gewesen sein soll! Antigua gefällt uns gut. Die breiten Straßen und Fußgängerzonen machen das Bummeln sehr angenehm, und farbenprächtige Handwerkskunst gibt es überall zu bestaunen. Wir können natürlich nicht widerstehen, weder beim Erwerb noch beim Fotografieren. Restaurants und Cafes sind reichlich vorhanden, doch wir folgen natürlich wieder einmal einem kulinarischen Tipp von Erika und Claude: Im Feinkostladen und Restaurant „Epicure“ genießen wir am Heiligabend ein gar köstliches Weihnachtsessen. Auf dem Heimweg stoßen wir auf eine Tanzgruppe - ihre Darbietung ist hübsch, doch den Bezug zu Weihnachten finden wir nicht so leicht. Überall werden Knallkörper und Raketen angeboten, und logischerweise nehmen wir an, dass die für Silvester gedacht sind. Als wir aber um Mitternacht des Heiligabends von einem lang anhaltenden Feuerwerk aus dem Schlaf gerissen werden, haben wir wieder etwas Neues gelernt ‑ andere Länder, andere Sitten!

 Unterwegs zum Rio Dulce
 
Wir verlassen Antigua nicht ohne Grund am 25.12. und queren den Stadt-Moloch Guatemala-City dank des Feiertages problemlos. Wir fahren nun Richtung Nordosten durch die Berge, u. a. durch eine sich endlos hinziehende Baustelle, auf der glücklicherweise heute nicht gearbeitet wird. Ganze Berghänge werden abgetragen, um Erdrutschen vorzubeugen und Platz für die Fahrbahnverlegung zu schaffen. Mit Verlassen des Hochlandes verlässt uns leider auch das gute Wetter: Bis auf wenige Ausnahmen ist es in den folgenden Wochen oft bedeckt, und sogar ein oder zwei heftige Regen erleben wir. Dabei sollte auch hier inzwischen die Trockenzeit Einzug gehalten haben! Meistens jedoch bleibt es während unserer Besichtigungen trocken, so auch im Tal des Rio Montagua bei den Ruinen von Quirigua, die wir nach Durchfahren einer riesigen Bananenplantage erreichen.

Die United Fruit Company erwarb das Gelände im 19. Jh. und gab 34 ha davon ‑ und damit auch die Verantwortung für die Ruinen ‑ 1910 an die guatemaltekische Regierung zurück, damit die die archäologische Stätte und die umgebende Flora und Fauna erhalten konnte und kann. Seit 1981 gehört die Stätte zum UNESCO-Weltkulturerbe und 2016 wurden auch die umfangreichen Texte auf den alten Stelen von der UNESCO als Dokumenten-Welterinnerung deklariert. Und diese alten bearbeiteten Stelen, die in der Zeit von 725 bis 784 n. Chr. entstanden, sind das Bemerkenswerte an Quirigua. Die Figuren und Schriftzeichen sind noch sehr gut zu erkennen. Wir laufen über die nach dem Regen feuchten Wiesen, werden aber, wie übrigens schon seit Beginn dieser Reise, nicht von Moskitos belästigt. Dass wir direkt in einer Bananenplantage stehen, merken wir früh am nächsten Morgen, eigentlich noch in der Nacht, als die ersten Lkws ihre Ladung abtransportieren. Über uns kreisen kleine Flugzeuge, die Gift versprühen, selbstverständlich biologisch abbaubar. Auf unseren Körpern und unserem Wagen haben Bananenparasiten nun keine Chance mehr!

 Rio Dulce und Livingston
 
Wir nähern uns immer mehr der Karibikküste Guatemalas. Alles ist grün, auf den saftigen Wiesen grasen glückliche Kühe. Bald erreichen wir das Nordende von Guatemalas größtem See, den Lago de Izabal, der sich hier in den Rio Dulce ergießt, der wiederum in den Golf von Honduras entwässert. Auch der kleine Ort ist als Rio Dulce bekannt, heißt aber offiziell Fronteras. Dieser Name stammt aus einer Zeit, als hier lediglich eine Fähre über den Fluss führte und sich hinter der Fähre nur noch die undurchdringliche, dschungelüberzogene und fast menschenleere Provinz Peten erstreckte. Seit einigen Jahren überspannt eine gigantische Brücke den Fluss und bildet heute die Hauptverbindung in den Norden, in dem es mit dem Dschungel auch nicht mehr so weit her ist. Durch ein Erdbeben wurde die Brücke vor einigen Jahren beschädigt und eigentlich sollte sich nur eine begrenzte Anzahl von Fahrzeugen gleichzeitig auf der Brücke befinden. Aber das ist bei dem enormen Verkehr, den der kleine Ort kaum bewältigen kann, nicht einzuhalten. Und als wir lange Zeit mit vielen anderen LKWs auf dem höchsten Brückenpunkt im Stau stehen und das sanfte Schaukeln der angeknacksten Brücke spüren, ist das fast wie Zip-Lining!

Wir lassen uns hier für die nächsten drei Tage im Yachthafen „Mar Marina“ nieder. Es gibt ordentliche Sanitäranlagen, eine Wäscherei, ein Restaurant und einen Swimmingpool, in dem wir uns gleich nach der Ankunft erfrischen, mit Blick auf den Fluss und die vielen hier liegenden Yachten. Viele wohlhabende Guatemalteken, aber auch nordamerikanische Bootsbesitzer lassen ihre Yachten hier während der Hurrican-Season zurück, da Rio Dulce laut US-Coastguard angeblich der hurrican-sicherste Platz Mittelamerikas ist. Hier schwimmen Milliarden herum oder liegen auf dem Trockenen. Im Dezember ging die Hurrica-Season zu Ende, und viele Eigner kommen jetzt zurück, um zu neuen Abenteuern aufzubrechen. So auch Isolde und Gerry (Deutschland, Kanada), die seit ca. 14 Jahren die Welt umsegeln und uns auf ihr schwimmendes Heim einladen. Trotz unserer beiden so unterschiedlichen Fortbewegungsmittel haben wir viel an Reiseerfahrungen auszutauschen.

Der Ort Rio Dulce ist unattraktiv, und so entscheiden wir uns für eine mehrstündige Bootstour nach Livingston am Golf von Honduras. Als alle Passagiere an Bord sind, geht es mit 200 PS über den Fluss, der bald zu einer breiten Wasserfläche (El Golfete) wird. Plötzlich stürtzt ein heftiger Regenguss auf uns herab. Jede Reihe im Boot erhält eine Plane, die wir über uns ausbreiten. Ganz kann das den Regen nicht abhalten, Rolf und seine Kamera erhalten eine milde Dusche, und sehen können wir auch nichts mehr. Aber schon bald wird es wieder trocken, und wir erreichen am Nordufer von El Golfete das Biotopo Chocon Machacas. Nun gleitet das Boot langsam durch enge Wasserstraßen (wie Spreewald ohne Gurken), vorbei an Mangroveninseln und durch Seerosenfelder. Nistende Kormorane und Reiher sitzen auf den Bäumen, die Geier hocken darüber und warten auf Nestabstürzler. Am Ufer gibt es kleine Ansiedlungen, aber auch kleine Hütten mit Unterkunftsmöglichkeiten für Touristen, alle nur per Boot zu errreichen. Könnten wir doch immer so langsam weiterfahren. Aber das geht natürlich nicht – die 200 Außenborder-PS müssen wieder gefordert werden. Unseren letzter Stopp bei einer heißen Quelle (lecker, Schwefelwasserstoff) lassen wir ungenutzt verstreichen. An den Ufern tauchen im dichten Dschungel immer wieder Hütten und Bootshäuser auf ‑ Wochenenddomizile wohlhabender Landsleute aus Guatemala City. Auch der eine oder andere Helikopter gehört zur Wochenendhausausstattung. Der Fluss verjüngt sich wieder, und wir erreichen die enge Schlucht „La cueva de la vaca (Höhle der Kuh)“. Bei Sonnenschein muss alles noch viel beeindruckender sein. Von den steilen Felswänden hängen riesige Schlingpflanzen bis hinunter ins Wasser. Bald kommt unser Ziel, Livingston, in Sicht. Auf dem Anleger warten Pelikane auf einlaufende Fischerboote, in der Hoffnung auf Fischabfälle.

Livingston ist eine recht große Garifuna-Stadt, die nur per Boot zu erreichen ist. Die Vorfahren der Garifuna waren geflüchtete afrikanische Sklaven aus Belize, die sich im 17. Jh. auf der Insel St. Vincent mit den Indios gemischt haben, was den Menschen deutlich anzusehen ist. Die Garifuna-Sprache ist ein Mix aus karibischen und afrikanischen Sprachen mit ein wenig Französisch. Freundlich sind sie nicht gerade, eher abweisend. Wir bummeln durch den auch ansonsten wenig attraktiven Ort und am ebenso enttäuschenden karibischen Strand entlang. So jedenfalls stellt man sich die Karibik nicht vor. Bevor wir die Rücktour antreten, verspeisen wir im Restaurant „Happy Fish“ einen nun nicht mehr glücklichen und auch nicht glücklich zubereiteten Fisch. Zur Krönung des Tages erwischt uns kurz vor Erreichen unserer Mar Marina ein so heftiger Regenguss, dass keine Plastikplane der Welt noch etwas hätte ausrichten können. Trotz allem – wir bereuen die Fahrt nicht: Neues Wissen muss ja nicht immer hübsch verpackt sein. Den Abend lassen wir im Hotel Backpackers am Fluss bei Pina Colada und Baileys gemeinsam mit Isolde und Gerry gemütlich ausklingen. Von beiden verabschieden wir uns am nächsten Morgen. Sie wollen in den nächsten Tagen nach Kuba aufbrechen, wir wollen weiter nach Norden, zu den weltberühmten Maya-Ruinen von Yaxha und Tikal.

 Die Yaxha-Ruinen

Am übernächsten Tag erreichen wir Yaxha im gleichnamigen NP. Die letzten 11 km führen über eine teils steinige und teils durch den Regen aufgeweichte lehmige Piste. Wir erwarten, nicht zuletzt wegen des Pistenzustands, einen abgelegenen und einsamen Platz. Aber weit gefehlt! Als wir ankommen, sind mitten im Dschungel große Zelte aufgebaut. Darunter sitzen Kreuzfahrttouristen an weiß gedeckten, mit roten Schleifen und Kerzen geschmückten Tischen. Wir sind entsetzt! Gott sei Dank steigen die Besucher bald in ihren Bus (der ganz offensichtlich vor dem Regen hierher gefunden hat), alles wird abgeräumt, auch die Zelte und die schicken Stühle mit Schärpen, und die Natur steht wieder zu unserer Verfügung. Wir haben den Platz direkt an der Laguna Yaxha für uns allein. Es ist sehr schön hier, auch Sanitäranlagen sind vorhanden und eine Dschungeldusche. Für die wenigen, die nicht wissen, was eine Dschungeldusche ist: Eine kleine, an drei Seiten mit Palmenblättern abgeteilte Kabine, manchmal, manchmal auch nicht, ein Vorhang an der vierten Seite, nach oben offen, ein offenes Rohr dient als Dusche. Wenn es regnet, muss man das nicht öffnen, das spart Wasser. Das Wetter meint es endlich einmal wieder gut mit uns: Wir sitzen wieder draußen in der Sonne, genießen die Stille, solange, bis das Geschrei der Brüllaffen (natürlich brüllen nur die Männer) diese beendet. Doch das sind Naturgeräusche, die wir begrüßen.

Die nächsten zwei Tage gehören der Besichtigung der Ruinen. Die Stadt Yaxha wurde 600 v. Chr. gegründet und erreichte ihren Höhepunkt im 8. Jh., als die Stadt ca. 500 Gebäude umfasste und über 20.000 Menschen hier lebten. Einige der Pyramiden und Tempel sind freigelegt und restauriert, vieles aber immer noch vom Dschungel überwuchert. Während die Ruinen der Atzteken, die wir in Mexiko gesehen haben, auf freiem Gelände stehen, ist hier alles von dichtem Dschungel umgeben. Einige der nur teilweise freigelegten Ruinen sind daher manchmal schwer auszumachen. Wir laufen über Treppen und Wege, wo einst breite gepflasterte Verbindungs- und Transportstraßen existierten. Wir steigen die teils steilen Treppen der Pyramiden hinauf, genießen den Ausblick auf das Blätterdach des Dschungels, aus dem vereinzelt Ruinen herausragen. Ganz oben auf den uralten Bäumen sitzen die Brüllaffen. Und wir haben Glück: Von der Aussichtsplattform einer Pyramide, zur Maya-Zeit ein astronomisches Observatorium, blicken wir direkt in eine Baumkrone, in der sich Brüllaffen-Weibchen mit ihrem Nachwuchs über die leckeren Blätter hermachen. Wir können uns gar nicht satt sehen. Fern vom Lärm der Städte, der uns in Guatemala ganz besonders zugesetzt hat, erleben wir in Yaxha in aller Ruhe (= schlafend) den Übergang ins Neue Jahr. Um Mitternacht deutscher Zeit, also 7 Stunden vor unserem lokalen Jahreswechsel, stoßen wir mit Drambui auf ein glückliches Jahr 2018 an.

 Die Tikal-Ruinen

Am 2. Januar verlassen wir Yaxha und fahren zu den Maya-Ruinen von Tikal im gleichnamigen Nationalpark. Der Eingang zum Park liegt bereits 17 km vor den Ruinen. Das Hotel „Jaguar Inn“ unmittelbar neben der Ruinenanlage bietet Campmöglichkeiten, und dort verbringen wir die nächsten drei Tage. Tikal blühte in der Zeit von ca. 800 v. Chr. bis ca. 900 n. Chr. Um 750 n. Chr. umfasste das Stadtzentrum 65 qkm, und es lebten über 100.000 Menschen hier! Seit 1979 gehört Tikal zum UNESCO-Weltkulturerbe. Früh am Morgen um 06:00 h sind wir bereits auf unseren Besichtigungstouren, um die Anlage möglichst menschenleer genießen zu können. Dieser Komplex ist um ein Vielfaches größer als Yaxha - es ist unmöglich, in zwei Tagen alle freigelegten und restaurierten Gebäude zu besichtigen. Aber wir gewinnen einen guten Überblick über die Ausmaße der einst riesigen Stadt. Einige der Plätze wurden vom Dschungel befreit, so dass man von den umliegenden Gebäuden aus einen guten Überblick hat, und man sich gut vorstellen kann, dass hier wichtige Zeremonien stattgefunden haben. Früh am Morgen bietet sich auch die Chance, Tiere zu sehen, wie die lustigen Coatimundi (Nasenbären) oder hübsche bunte Vögel, wie Tukane oder Ocellated Turkeys (Pfauentruthähne). Nach drei Besichtigungstouren sind wir viele Kilometer gelaufen, haben viele Pyramiden und Tempel erstiegen. Ziemlich erledigt, aber zufrieden verlassen wir am 5. Januar Tikal und am gleichen Tag auch Guatemala. Neue Erlebnisse in einem neuen Land – Belize – warten auf uns. Doch darüber im nächsten Bericht mehr!

Fazit: Der ursprüngliche Plan war, nur wenige Tage in Guatemala zu bleiben, eher eine administrative (Zoll-)Aufgabe zu erledigen und bald wieder nach Mexiko zurückzukehren. Daraus wurden dann doch 22 Tage, da wir neugierig auf die Sehenswürdigkeiten des Landes geworden sind. Die Menschen waren immer freundlich und hilfsbereit, die Sehenswürdigkeiten sind zum Teil auf Weltklasseniveau. Trotzdem, keine Chance, einen der begehrten oberen Plätze unserer berühmten „Top of the Pops“-Länderliste zu erobern: Zu dicht bevölkert, zu laut, zu dreckig. Wir werden sicher nicht hierher zurückkehren, sind aber froh, es kennengelernt zu haben.


Viele Grüße, bis zum nächsten Mal,
Bettina & Rolf


(San Ignacio/Belize, im Januar 2018)

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