Durch Gottes eigenes Land - Bettina & Rolf Sparthmann unterwegs!

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Arches National Park
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Durch Gottes eigenes Land

USA - von der mexikanischen zur kanadischen Grenze

April/Mai 2018

Am 12. April verlassen wir Mexiko. Die mexikanischen Formalitäten sind diesmal etwas langwieriger, weil wir die 10 Jahres-Aufenthaltserlaubnis für unseren Wagen zurückgeben. Letztendlich ist aber alles sehr professionell und unaufgeregt. Ein paar Meter Niemandsland, und dann stellen wir uns mit einer gewissen Nervosität in die (kurze) Abfertigungsschlange am US-Grenzposten in Presidio, Texas. Wir haben einige Lebensmittel dabei, was nach unserem Wissen nicht erlaubt ist, und wir den Grenzbeamten deshalb auch wahrheitsgemäß mitteilen. Zunächst müssen wir im Auto sitzen bleiben, unser Fahrzeug wird erst einmal von außen begutachtet. Dann müssen wir aussteigen und den Schlüssel abgeben. Während mehrere Beamte das Fahrzeug von innen überprüfen, unterhält sich ein weiterer Beamter sehr freundlich mit uns, stellt ganz nebenbei die eine oder andere Frage, z. B., wie weit nach Süden wir in Mittelamerika denn gekommen seien. Guatemala, aha! Man sieht geradezu den Haken, den er an die Zeile „NAFTA verlassen, ja/nein?“ macht. Vielleicht liegt es daran, dass wir den Beamten sympathisch sind und/oder ihnen unser Auto gefällt: Jedenfalls werden keine Lebensmittel konfisziert, wir erhalten eine sechsmonatige Aufenthaltserlaubnis, und das Auto interessiert sie zollrechtlich nicht mehr die Bohne. Wir befinden uns nun in „God’s own country“, in „Gottes eigenem Land“, in Donalds Land. Ob uns die USA diesmal besser gefallen werden als auf Reisen Anfang der 2000er? Unser grober Plan sieht eine Route nach Norden durch die zweite Reihe der Bundesstaaten im Westen vor (West-Texas, New Mexico, Arizona, Utah, Wyoming, Montana), geprägt durch große Trockenzonen im Süden und den Verlauf der Rocky Mountains, mit dazwischen liegenden riesigen Ebenen. Auf genau dieser Strecke, so ein Zufall, liegen viele der bekannten Nationalparks, die wir erstmalig besuchen wollen.

Big Bend State Park und Big Bend National Park/Texas
Heiß ist es hier, 39 Grad, viel heißer als in Mexiko, so dass wir trotz des trüben Wassers ein Bad im Rio Grande nehmen. Da auf der gegenüber liegenden Flussseite Mexiko liegt, schwimmen wir nicht über die Mitte (Grenze) hinaus, denn wir haben ja unsere Pässe nicht dabei. In der Nacht weht ein heftiger Wind, unser Wagen wird auch von innen ganz übel eingesandet, und die Temperaturen sinken merklich. Ein Campingplatz unter großen Schatten spendenden Cottonwood Trees ist zwar recht angenehm, aber nur solange, bis am späten Abend (wir liegen bereits im Bett) ein beeindruckend großer Ast auf das Dach unserer Wohnkabine kracht. Wir haben Glück im Unglück: Der Ast schlägt mit der belaubten Krone zuerst auf, so dass der Aufprall gemildert wird, auch trifft er nicht die Solarpanels. Wir zerren den Ast im Dunklen vom Dach und verholen an einen baumfreien Platz.


Guadalupe Mountains National Park/Texas
Im Guadalupe Mountains NP befinden wir uns auf 1.700 m Höhe. Am Morgen grasen die Wapiti-Hirsche direkt neben dem Campingplatz, die ersten großen Säugetiere, die wir seit langer Zeit sehen. Ist Natur nicht einfach wunderbar, insbesondere, wenn auch noch eine gewisse Ruhe herrscht? Hallo, wir befinden uns auf einem amerikanischen Campingplatz! Fast jedes Wohnmobil ist mit einem Generator ausgerüstet (Klimaanlage, Fernseher und so), der zwischen 8 h morgens (die Hirsche kommen daher auch nur bis 8 h) und 20 h abends den ganzen Tag Lärm machen darf. Willkommen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten!


Carlsbad Caverns National Park/New Mexico
Im Carlsbad Caverns NP befinden sich die größten öffentlich zugänglichen Tropfsteinhöhlen der Erde. Und hier erwartet uns eine positive, wenn auch schweißtreibende Überraschung: Der Fahrstuhl zu den 316 m (tiefster Punkt) unter der Erdoberfläche liegenden Höhlen ist außer Betrieb. Viele Besucher winken ab: Viel zu anstrengend, zu Fuß zuerst hinab und dann wieder ans Tageslicht zurückzuklettern, so dass wir die bizarren und teils sehr filigranen Stalagtiten und bis zu 18 m hohen Stalagmiten in aller Ruhe bewundern können. Außerdem wird es Zeit, uns auf dem über Serpentinen verlaufenden steilen Weg hinunter und hinauf wieder einmal sportlich zu betätigen!


Roswell/New Mexico
Nicht entgehen lassen wollen wir uns das UFO-Museum in Roswell, der Ort, an dem am 2. Juli 1947 Augenzeugen den Absturz eines UFOs beobachtet haben wollen. Nun hatten wir eher Humorvolles erwartet, etwa E.T., der, leicht modernisiert, mit seinem Smartphone nach Hause telefoniert. Aber bis auf einige satirische Zeichnungen bietet das Museum ausschließlich sehr ernstgemeinte Erläuterungen der damaligen Ereignisse: Augenzeugenberichte, Fotos, Bodenproben von der Aufschlagstelle, Proben des damals gefundenen unbekannten Materials, wissenschaftliche Berichte usw.. Wir nehmen aus dem Museum folgendes Wissen mit: Am besagten Tag hat der Farmer Mac Brazel den Absturz eines unbekannten Flugobjektes beobachtet und dem Sheriff gemeldet. Das US-Militär sperrte das Gebiet unverzüglich ab. Während der anschließenden viertägigen Befragung von Brazel durch das Militär wurde er davon "überzeugt", den Absturz eines Wetterballons beobachtet zu haben. Brazel starb, ohne je wieder über das Ereignis gesprochen zu haben; bis auf eine kryptische Bemerkung kurz vor seinem Tod: „Sie waren nicht grün!“ Wir sind nach dem Museumsbesuch überzeugt: Sie sind schon unter uns!


White Sands National Monument/New Mexico
Im Tularosa Basin erwartet uns eine ungewöhnliche Landschaft, inmitten des riesigen Raketenversuchsgeländes White Sands der US-Airforce. 1945 wurde nur ca. 160 Kilometer nördlich der heutigen Sehenswürdigkeit mit demselben Namen der erste Atombombentest durchgeführt. An der Straße zum White Sands National Monument wird darauf hingewiesen, dass es bei Raketentests auch schon mal zu zweistündigen Straßensperren kommen könne – die Autofahrer mögen Geduld haben! Die sie bestimmt haben, denn alle, die um White Sands herum zuhause sind, leben von der Militärbasis! Bei der schneeweißen Dünenlandschaft handelt es sich nicht um Sand, sondern um Gips, der immer noch aus dem Sedimentgestein der die riesige Senke umgebenden Bergketten ausgewaschen wird. Er sammelt sich im Lake Lucero, an der tiefsten Stelle des abflusslosen Tularosa Basin, kristallisiert dort aus und wird als feinste Körnchen vom Wind zum größten Gipsdünenfeld der Welt angehäuft. Nach einem Spaziergang durch die Dünen (ist nix mit Off-roading, nur vorgeschriebene Straßen und Wege dürfen befahren werden) frühstücken wir inmitten der blendendweißen Hügellandschaft und schauen den Kindern einer eingewanderten kolumbianischen Familie zu, wie sie mit viel Spaß in Plastikwannen die Dünen hinunterrodeln.


Valley of Fires und VLA (Very Large Array)
Einen Tag bleiben wir auf dem Campground im Valley of Fires, einem bis zu 10 km breiten erkalteten Lavastrom, der allmählich von Flora und Fauna zurückerobert wird. Der schwergewichtige Campgroundhost Jack ist total begeistert von unserem Wagen und möchte die Wohnkabine besichtigen. Voller Sorge sehen wir unsere Leiter sich unter seinem Gewicht verbiegen! Lange klönen wir mit ihm: Er beschwert sich über die miserable Qualität der amerikanischen Wohnmobile, hier Recreation Vehicle (RV) genannt. Und wir lernen von ihm, dass "RV" deshalb bei amerikanischen Wohnmobilisten nur „Rape Victim (Vergewaltigungsopfer)" heißt, weil die Wohnmobil-Werkstätten die weit von der Heimat gestrandeten Wohnmobilisten gnadenlos ausnehmen.
Wir wollen auf keinen Fall am VLA (Very Large Array) vorbeifahren, ein 1980 auf der San Augustin-Ebene errichtetes Radioteleskop. Es besteht aus 27 Einzelradioteleskopen mit jeweils 25 m Durchmesser bei je 230 to Gewicht, die auf drei Y-förmig angeordneten, insgesamt 21 km langen Schienensträngen bewegt werden können. Das Besondere der Anlage ist die Möglichkeit, durch Verfahren der Einzelteleskope in verschiedene geometrische Anordnungen diese so zusammenzuschalten, dass Auflösung und Reichweite variabel sind, diese Werte außerdem denen eines einzelnen Riesenteleskops entsprechen. Ein optisches Teleskop bündelt Radiowellen im sichtbaren Spektrum (Lichtwellen), das VLA bündelt unsichtbare Radiowellen. Nun können vom VLA nicht nur Signale empfangen, sondern auch ins All gesendet werden, wozu es auch genutzt wurde (und wird?): Wir wollen unseren interstellaren Nachbarn im Weltraum mitteilen, wie schön es auf der Erde ist und wie man hierher kommt. Mit dieser wahren Geschichte hatte das VLA übrigens auch einen Auftritt im Film „Contact“ mit Jodie Foster. Der kürzlich verstorbene Physiker Stephen Hawking äußerte sich zu den Sendeaktivitäten wie folgt: „Außerirdisches Leben ist real. Ich warne vor einer Kontaktaufnahme, denn das könnte den Untergang der auf der Erde lebenden menschlichen Rasse besiegeln.“ Er war der Meinung, dass die Außerirdischen, nachdem wir ihnen die Karte mit der Anfahrt zu unserer schönen Erde geschickt haben, sich als eine noch aggressivere Spezies als der Mensch herausstellen könnte! Um zu sehen, wie es uns dann ergehen wird, müsst Ihr Euch nur den Film „Mars Attacks“ ansehen, in dem traurigerweise ja auch Jack Nicholson den Aliens zum Opfer fällt.


Petrified Forrest National Park/Arizona
Auf dem Weg zum Petrified Forrest kommen wir immer wieder durch kleine Dörfer. Diese oft unscheinbar-winzigen Häuseransammlungen, die um ihr Überleben kämpfen, versuchen mit allen Mitteln, etwas Besonderes zu bieten, um so den durchfließenden spärlichen Touristenstrom anzuzapfen. So besitzt Pie Town ein Windmühlen-Museum, in dem aus der ganzen Gegend zusammengetragene alte windbetriebene Pumpen ausgestellt sind.

Wir erreichen Arizona und den Petrified Forrest. Die Attraktion sind in einem riesigen Gebiet verstreute versteinerte Baumstämme, die Stein gewordenen Überreste von mittlerweile ausgestorbenen, mit den Araukarien verwandte Nadelhölzer, die vor über 200 Mio. Jahren hier wuchsen. Hier liegen so viele große und kleine Stücke herum - es würde doch nicht auffallen, etwas davon mitzunehmen, oder? Ist natürlich streng verboten, und wir halten uns daran! Auch mehr als 2000 Jahre alte, erstaunlich gut erhaltene Petroglyphen sind zu sehen. Und besonders beeindruckt uns die Landschaft der „Painted Desert“.
 
Im Westen der USA gibt es zwei Zeitzonen, Mountain und Pacific Time, und wir reisen durch Bundesstaaten, in denen die Mountain Time gilt. Am zweiten Sonntag im März wurde auf Sommerzeit (Daylight Saving Time) umgestellt, allerdings nicht in Arizona. Die Indianerreservate in Arizona dagegen machten die Umstellung mit! Folge: Tagelang ändert sich alle paar Kilometer die Uhrzeit! Lösung: Wenn wir auf einem Campingplatz stehen, starten pünktlich um 08:00 h die Generatoren der Wohnmobilisten – dann können wir unsere Uhren stellen!


Walnut Canyon National Monument/Arizona
Auf einem gut ausgebauten Weg steigen wir über viele Stufen hinab und blicken in zwei tief eingeschnittene, bewaldete Schluchten. In der Zeit von 1125 bis 1250 lebten hier die Sinagua Indianer. Als Unterkünfte dienten ihnen von Felsüberhängen geschützte natürliche Terrassen, durch niedrige Natursteinmäuerchen zusätzlich geschützt, die sog. „Cliff Dwellings“, von denen einige noch sehr gut erhalten sind. In einem nahe gelegenen Wald nutzen wir zum ersten Mal das sog. „Dispersed Camping“, kostenloses Campen auf Land unter der Obhut des Bureau of Land Management (BLM).


Grand Canyon National Park/Arizona
Heute haben wir den Wecker gestellt, damit wir früh genug im Grand Canyon NP ankommen, um noch einen Stellplatz auf einem Campingplatz zu ergattern. Denn man muss entweder Monate im Voraus reservieren oder früh genug einen der „First come, first served“-Campingplätze noch am Vormittag erreichen. Das gelingt uns auf dem Desert View Campground in 2.200 m Höhe am Canyon-Südrand. Am Ende unserer USA-Durchquerung werden wir übrigens festgestellt haben, dass die meisten mit Fahrzeugen erreichbaren Campingplätze eher nach Praktikabilitätskriterien als nach Schönheit der Lage angelegt worden sind. Trotz der schrecklich vielen Besucher (die lauten Chinesen sind in der Überzahl) sind wir von der monumentalen Canyon-Landschaft begeistert. Der Colorado River windet sich hier in bis zu 1600 m tiefen Schluchten durch rote Felsen, und manchmal sehen wir ihn tief unter uns liegen. Als winziger Bach entspringt er in den Rocky Mountains auf dem La Poudre Pass und sollte sich nach 2300 Kilometern in den Golf von Kalifornien ergießen. Aber das Wasser passiert über 16.000 qkm Farmland und versorgt ca. 30 Mio. Menschen mit Trinkwasser. In niederschlagsarmen Zeiten ist das Wasser aufgebraucht, bevor es den Golf erreicht. Der Grand Canyon schneidet mit durchschnittlich 16 km Breite über 450 km in Ost-West-Richtung durch das Colorado Plateau und wird uns auch später noch beeindrucken. Wir müssen unseren Besuch auf den Südrand beschränken, da die Zufahrt zum ca. 300 m höheren Nordrand um diese Jahreszeit noch gesperrt ist. Fast alle Touristen bleiben zurück, als wir auf dem „South Kaibab Trail“ auf steilen Serpentinen bis hinunter zum „Ooh Aah Point“ laufen, der seinen Namen aufgrund der wirklich grandiosen Ausblicke verdient hat.


Page und Umgebung/Arizona & Utah
Dicht bei der Stadt Page zieht uns der Colorado River am „Horseshoe Bend (Hufeisenschleife)" wieder in seinen Bann. Von der Abbruchkante auf einem Plateau mit bizarren Felsformationen blicken wir hinunter auf die in Millionen von Jahren in die Felsen gearbeitete Flussschleife. Page wurde erst Ende der 1950er Jahre mit dem Baubeginn am Glen Canyon Dam gegründet. Durch das Aufstauen des Colorado River entstand in dem felsigen Wüstengelände ein ca. 150 km langer See mit vielen Seitenarmen und Buchten, der Lake Powell, und wurde zum El Dorado für Wassersportler. Eigentlich wollen wir zwei Tage am See bleiben. Aber nicht nur heftiger Wind, der uns permanent einsandet, sondern auch der Lärm der Generatoren und knatternden Quads vertreibt uns bereits nach einem Tag. Bei Page gibt es jedoch noch andere Sehenswürdigkeiten, darunter die „Antelope Canyons“, die sich auf Stammesland der Navajo-Indianer befinden. Nur auf von Navajos geführten Touren darf man sie besuchen, was bei dem unüberschaubaren Besucherstrom für das Reservat eine gigantische Einnahmequelle bedeutet. Bis zu 150 m geht es auf steilen Treppen und durch enge Passagen hinunter in den Slot Canyon. Damit kein Unglück passiert, wird er jeden Morgen vor dem Eintreffen der Besucherströme nach Skorpionen, Schlangen und Spinnen durchsucht und die ungebetenen Besucher hinauskomplimentiert! Die vom Wasser ausgewaschenen Sandsteinformationen sind nicht nur faszinierend anzuschauen, sondern bieten auch je nach Lichteinfall immer wieder neue Farbkombinationen. Ein Highlight gerade für Fotografen. Rolf hat Gelegenheit, etwas mit unserem Führer zu schwätzen: Die Navajo-Sprache ist so schwer zu erlernen, dass es keine Nicht-Navajos gab (und gibt), die sie beherrschten. Wegen dieser Einzigartigkeit verwendete das US-Marinekommando im 2. Weltkrieg Navajo als Nachrichtencode gegen die Japaner im Pazifik!


Cottonwood Canyon Road, Grosvenor Arch, Kodachrome Basin State Park/Utah
Die im Reiseführer als “nur für Abenteuerlustige” bezeichnete Cottonwood Canyon Road entpuppt sich als recht ordentliche Piste durch eine traumhafte Canyon-Wildnis mit farbenprächtigen Lehmbergen und einem aus gelbem Sandstein bestehenden mächtigen Felsbogen, dem “Grosvenor Arch”. Die Mountainbike-Fahrer, die ungebremst die Piste in atemberaubendem Tempo hinabdüsen, halten wir allerdings für zu abenteuerlustig. Beim Kodachrome Basin Campground heißt es wieder einmal: „Campground full“. Aber die Ranger sind nett. Auf einem Overflow Platz dürfen wir mit noch zwei weiteren Fahrzeugen not-campieren. Not verbindet, und wir verbringen mit unseren Nachbarn einen netten, wenn mit 8 Grad auch kühlen Abend. Mit mehreren Flaschen Wein bieten wir der Kälte Paroli. Uns fällt auf, dass politische Themen immer nur kurz angerissen, niemals aber zu Ende diskutiert, ja, geradezu gemieden werden. An diesem Abend lernen wir, warum die Amerikaner Wildes Campen „Boondocking“ nennen: Das Wort stammt ab vom philippinischen Wort „bundoc“, das „Berg“ bedeutet. Im philippinisch-amerikanischen Krieg in den 1890er Jahren flüchteten die Philippinos vor den amerikanischen Soldaten in die Berge. Die Amerikaner übernahmen das Wort und korrumpierten es zu Boondocking, was bedeutet, in einer isolierten oder wilden Region zu campen.

Am nächsten Tag machen wir zwischen bunten Felsnadeln und –wänden eine Wanderung durch eine Bilderbuchlandschaft.


Bryce Canyon National Park/Utah
Der Bryce Canyon gilt nach dem Grand Canyon als der spektakulärste Nationalpark des Südwestens. Aber um eine Schlucht handelt es sich eigentlich nicht, sondern um ein riesiges Gelände mit einem Gewirr von wahrhaft skurrilen Formationen erodierten Sandsteins. „Ein verdammter Platz, eine Kuh zu verlieren.“ - so verfluchte 1880 der erste und einzige Siedler, der Mormone Ebeneezer Bryce, das Felsgewirr dieses später nach ihm benannten 145 qkm großen Nationalparks. Schon der erste Tag im Park ist recht kühl, aber am nächsten Morgen erwartet uns eine Überraschung: Etwa 10 cm Neuschnee sind über Nacht gefallen, und es schneit immer noch! Unser Winterdienst hat versagt, ist wohl im Schnee stecken geblieben? Jedenfalls müssen wir unsere Treppe selbst vom Schnee befreien. Aber besonders schön ist es, denn nun sind die mit Schnee bedeckten Felsen noch beeindruckender als am Tag zuvor.


Capitol Reef National Park/Utah
Auf der Fahrt zum Capitol Reef NP geht es über einen 3000 m hohen Pass, und der Winter bleibt uns erhalten, aber nur 500 m tiefer ist plötzlich alles wunderbar frühlingshaft grün! Der Campground Fruita im Capitol Reef NP befindet sich im Freemont River Valley. Hier im Tal ließen sich um 1900 Mormonen nieder und legten künstlich bewässerte Obstgärten an, die noch heute Besucher mit Kirschen, Birnen, Aprikosen und Äpfeln versorgen. Leider liegt die Erntezeit noch in weiter Ferne. Viele Wanderwege führen durch tief eingeschnittene Canyons. Auf der Suche nach mit Regenwasser gefüllten Felskavernen, die sog. „tanks“, geht es über Stock und Stein. Die tanks finden wir nicht, aber die Ausblicke sind die Kletterei wert.


Goblin Valley State Park/Utah
Auf dem Weg zum Goblin Valley tanken wir in Hanksville. Auf dem Gelände der Tankstelle liegt allerhand Schrott herum, u. a. steht dort auch ein alter „Goliath“, dessen beste Zeiten lange vorbei sind. Nach Auskunft des Tankswarts gehörte der Wagen einst einem Deutschen, der in den 1960ern seinen Lebensunterhalt mit dem Kauf und Verkauf von Schmucksteinen verdiente. Im Goblin Valley NP ist uns der Zugang zum „Little White Horse Canyon“ nach heftigen Regenfällen leider versperrt. Wir werden mit einem traumhaften Nachtplatz mehr als entschädigt.


Arches National Park/Utah
Im Arches NP kommen wir leider an einem Wochenende an, aber das kann man nicht immer vermeiden. Nur mit Mühe finden wir einen Campingplatz. Neben dem Arches NP bietet der kleine Ort Moab weitere Attraktionen: So nennt er sich „Hauptstadt des Mountain Biking“. Das Gebiet der „Sand Flats“ ist eine riesige Spielwiese für Dirtbiker und 4x4-Enthusiasten. Uns jedoch interessiert der Park, der mit der weltgrößten Ansammlung natürlicher Steinbögen aufwarten kann. Unter dem Park liegt eine bis zu 3000 m dicke Salzschicht, das „Salt Valley“, die nach Austrocknung eines Urmeeres vor 300 Mio. Jahren in der Gegend des heutigen Colorado-Plateaus zurückblieb. Sedimentation und Erosion schufen ein Gebiet aus rotgelbem Sandstein, in dem die meisten Bögen liegen. Bei fantastischem Wetter und strahlend blauem Himmel erkunden wir den Park, der ein landschaftliches Highlight ist, mit vielen anderen Besuchern. Warum bloß wollen die das auch alle sehen ….;-)?


Dinosaur National Monument/Utah & Colorado
Eine der größten US-Fundstellen von Dinosaurier-Skeletten liegt im Grenzgebiet von Utah und Colorado, im Dinosaur National Monument. Hier wurde mit der „Quarry Exhibition Hall“ eine Felswand überbaut, aus der enorm viele sehr gut sichtbare Dinosaurierknochen herausragen. Durch starke Niederschläge nach dem großen Sauriersterben vor ca. 150 Mio. Jahren sind hier die Knochen von ca. 500 Sauriern zusammengepült worden. Auch in den umliegenden Felsen finden sich Dino-Spuren und –Knochen.


Grand Teton National Park/Wyoming
Auf dem Weg zum Grand Teton NP erfreuen wir uns nach all dem roten und gelben Sandstein an den grünen Hochebenen. Durch das wunderschöne Tal des „Bridger Teton Forest“ gelangen wir nach Jackson Hole, Einfallstor zum Park, aber auch zum weiter nördlich gelegenen Yellowstone NP. Wir erfahren, dass aufgrund von Schnee der Südeingang des Yellowstone immer noch gesperrt ist. Wir werden morgen auf den Westeingang ausweichen und dafür 200 Extra-Kilometer fahren müssen. Wir erkunden den sehr touristischen Ort, erfahren beim Salami-Kauf, dass ein „Elk“ ein Hirsch und ein „Moose“ ein Elch ist. Mit den schneebedeckten 4000er der Teton Range am Horizont, begegnen uns auf dem Weg zum Campingplatz die ersten Bisons.


Yellowstone National Park/Wyoming
In West Yellowstone erfahren wir, dass so früh im Jahr erst zwei Campgrounds im Park geöffnet haben, und einer davon, Mammoth, ist bereits jetzt zur Mittagszeit „full“. Also begeben wir uns zwangsweise zuerst nach Madison, und erst einige Tage später verholen wir nach Mammoth. Das 1978 von der UNESCO zum Erbe der Menschheit erklärte Schutzgebiet ist der älteste, bereits 1872 ins Leben gerufene Nationalpark der USA und dehnt sich von Wyoming bis in die Nachbarstaaten Utah und Montana aus. Nachdem der Bison im 19. Jahrhundert fast ausgerottet worden war, ist der Bestand wieder auf 65.000 Tiere angewachsen (Maximalzahl an Tieren, die in den wenigen verbliebenen Lebensräumen leben können), und sie begegnen uns häufig. Diese Wildrinder sehen eigentlich recht gemütlich aus, aber das täuscht: Bei drohender Gefahr können sie sehr aggressive und schnell werden (bis zu 50 km/h.). Am Abend kommen sie sogar auf die Campingplätze. Vielleicht sollten wir die ABBGs (Allgemeine Bären- und Bisongefahren) doch etwas ernster nehmen?

Old Faithful, der wohl bekannteste Geysir des Parks, der alle 60-80 min seine bis zu 40 m hohen Fontänen in den Himmel schießt, beeindruckt uns weniger. Er ist wohl im Laufe der Jahre etwas schlaff geworden. Oder wir haben andere Geysir-Dimensionen in Neuseeland oder Island vor Augen. Sehenswert ist die Architektur des im Blockhausstil errichteten Hotels „Old Faithful Inn“.
 


Yellowstone National Park - Canyon Village
Auf dem Weg nach Canyon Village gelangen wir bis auf 2.500 m hinauf. In den Wäldern und auf freien Flächen liegen noch dichte Schneedecken. Auch hier zeugen die Stämme unzähliger toter Bäume vom großen 1988er Brand, als 36 % des Waldbestandes in Flammen aufging. Doch die Vegetation regenerierte sich schnell: Die durch das Feuer geöffneten Zapfen der Kiefern haben ihre Samen ausgebracht, und überall wachsen neue Bäume. Zum „Grand Canyon of the Yellowstone“ gelangen wir über den South Rim am Aussichtspunkt „Artist Point“. Von hier aus eröffnet sich ein fantastischer Blick auf die „Lower Falls“, die 93 m tief in den Yellowstone River stürzen. Auch die im Sonnenlicht leuchtenden bunten, bis zu 360 m tiefen Canyon-Felswände sind beeindruckend.


Yellowstone National Park - Mammoth
Sehr früh am Morgen verholen wir in den Nordteil des Parks, nach Mammoth, wo wir dank unseres frühen Eintreffens noch einen Stellplatz bekommen. Auch hier erhalten wir wieder ein Merkblatt über die Vorschriften zur Aufbewahrung von Lebensmitteln in Parks, die wir Euch nicht vorenthalten wollen:

„Tiere werden von Lebensmitteln und Lebensmittelgerüchen angelockt. Jegliche Lebensmittel, rechtmäßig geangelter Fisch, Abfälle, Gerätschaften zum Kochen, Servieren und Lagern von Lebensmitteln müssen in einem Fahrzeug oder in einem Campinggefährt, hergestellt aus massivem, nicht-nachgiebigem Material, verschlossen aufbewahrt werden, oder an einer vom NPS (National Park Service) freigegebenen Lebensmittelaufhängungsvorrichtung aufgehängt werden, oder in einem vom NPS freigegebenen Lagerraum, oder in einem vom Interagency Grizzly Bear Commitee (IGBC) geprüften bärensicheren Container, oder in einem Gebäude oder Wohnhaus sicher aufbewahrt werden, und das zu jeder Zeit, es sei denn, die Lebensmittel werden transportiert, konsumiert oder zum Verzehr vorbereitet.“

Ein modern kommunizierender Mensch, der sich nur noch mittels Emoticons verständigen kann, wird diese in bestem Juristenenglisch formulierte Anweisung nicht verstehen.

Im Yellowstone NP liegt eine riesige Caldera, die im Laufe von Jahrtausenden durch Lava aufgefüllt wurde und das heutige Hochplateau bildet. Zur Ruhe gekommen ist Yellowstone nie, die Erdbebenhäufigkeit ist groß, und es wird in absehbarer Zeit mit einer gewaltigen Eruption gerechnet. Eine nur 5 bis 6 km unter der Erdoberfläche liegende gigantische Magmakammer erhitzt das im Gestein versickernde Wasser, das in Form von unzähligen heißen Quellen, Schlamm-Vulkanen, Fumarolen (Dampflöcher) oder Geysiren wieder zu Tage tritt. Das ist besonders gut und besonders beeindruckend bei den Mammoth Hotsprings zu beobachten. Die unterschiedlichen Farben der weltweit größten Terrassen dieses Thermalgebietes entstehen durch Mineralien, Bakterien und Algen. Bei unserer Besichtigung scheint die Sonne, aber es weht ein kühler Wind. Und so sind wir nach langer Zeit mit dicken Jacken und Mützen bekleidet.


Yellowstone National Park - Norris Geyser Basin
Im Norris Geyser Becken liegt der heißeste Punkt des Parks: Ein Geysir reiht sich an den nächsten, umgeben von farbigen Pools auf kreideweißen Flächen – ein toller Anblick.


Durch Montana zur kanadischen Grenze
Wir setzen unsere Reise nach Norden durch Montana fort, besuchen in Great Falls das Charles M. Russell Museum und legen in White Sulphur Springs zwei dringend notwendige Arbeitstage ein: Nach vielen Reisejahren zerbröselt der Neoprenbalg zwischen Wohn- und Fahrerkabine. Ersatz haben wir dabei, aber der Austausch nimmt doch mehrere Stunden in Anspruch. Aber nun sehen wir eventuellen Regengüssen, die seit unserer Einreise in die USA erstaunlicherweise praktisch ausgeblieben sind, wieder gelassen entgegen.

Die Gelassenheit brauchen wir, als uns Regen und Schnee im Glacier NP erwischen. Die (vermutlich) schöne Landschaft ist in dichte Wolken gehüllt, und der Wetterbericht verspricht keine Besserung – spontan beschließen wir, die USA zu verlassen. Auf dem Weg zur nur noch 30 km entfernten kanadischen Grenze schneit es – der Abschied wird uns nicht schwer gemacht. Die Ausreise dauert 2 Minuten (die Amis sind über jeden froh, der ihr Land wieder verlässt). Auch die Einreise nach Kanada ist Minutenwerk: Wir werden nach Lebensmitteln gefragt (alle Lebensmittel aus den USA sind ok) und nach Waffen, wozu auch Pfefferspray zählt. Eine Fahrzeugkontrolle findet nicht statt. Wir erhalten eine sechsmonatige Aufenthaltsgenehmigung für die Menschen, das Fahrzeug ist keine Erwähnung wert. Nun sind wir in Kanada und – reißt dort drüben nicht schon wieder der Himmel auf? Vielleicht, vielleicht auch nicht: Die Aufklärung folgt im nächsten Bericht!


Fazit:
Wir hatten ja schon geahnt, dass wir die Städte voller Kultur, die bunten Märkte und das unkomplizierte Leben der zentralamerikanischen Länder bald vermissen werden. Und so war es auch. Konsequenterweise haben wir alle größeren Städte bei unserer USA-Durchquerung gemieden (Ausnahme: Great Falls wegen des Museumbesuchs), haben uns nur in kleinen Käffern versorgt, die noch einen Hauch von Charakter haben.

Dies war unsere vierte oder fünfte Reise in die USA, doch das war nicht der Grund, warum wir uns nur 5 Wochen für die Fahrt gegönnt haben: Der erste Grund ist ein hausgemachter: Wir fühlten uns gehetzt, denn jeder Blick auf die Karte und die noch vor uns liegenden Riesenentfernungen bis Alaska, unserem nächsten Zwischenziel, das wir eingedenk des kurzen Sommers dort oben bis spätestens Ende August wieder verlassen haben müssen, hat uns nicht in einen Genussreisemodus kommen lassen. Der andere Grund: Camping-Urlaub in den USA ist nicht mehr das, was es einmal war. Wie bei uns auch, haben sich auch hier in den letzten 10 bis 15 Jahren Wohnmobile explosionsartig vermehrt, mit der Folge, dass man in den etwas bekannteren Nationalparks bei Eintreffen nach 12 h mittags nur noch das Schild „Campground full“ gezeigt bekommt. Und in den sehr bekannten wie Grand Canyon NP oder Arches NP sieht man das Schild bei Eintreffen zu jeder Tageszeit, weil sie auf Tage hinaus ausgebucht sind. Das hatten wir, vielleicht etwas naiv, so nicht erwartet. In Mexiko mussten wir „strategisch“ reisen: Wo finden wir am Abend einen sicheren Nachtplatz? In den USA war es nicht viel anders: Wo finden wir am Abend einen nicht-ausgebuchten Nachtplatz? Und dass alle Sehenswürdigkeiten heutzutage von Asiaten geflutet sind, war dann das Sahnehäubchen. Unsere Begeisterung hielt sich also in Grenzen, auch wenn es keineswegs so war, dass uns die teils wirklich grandiosen Landschaften nicht gefallen hätten – es sind weltweit einzigartige darunter. Auch sind die US-Amerikaner ein immer freundliches und hilfsbereites Volk, und schließlich war uns auch das Wetter hold, als wir dem Frühling auf seinem Weg nach Norden folgten. Trotzdem, wenn uns Freunde mit einem Reisestil ähnlich unserem heute um eine Reiselandempfehlung bitten würden, würden viele Namen vor den USA fallen. Sorry, Donald!

Ob es uns in Kanada besser gefällt? Wir werden sehen! Bis dahin viele Grüße,
Bettina & Rolf

Banff/Kanada, Ende Mai 2018
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