Im Bärenland 2 - Bettina & Rolf Sparthmann unterwegs!

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Auf dem Dempster Highway/Northwest Territories
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Im Bärenland Teil 2
Juni/Juli 2018


Skagway und Haines
Bereits das Visitor Center in Watson Lake hatte uns davor gewarnt, an einem Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag in Skagway einzutreffen: Dann würden dort bis zu sechs Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig im Hafen liegen und pro Schiff bis zu 2.000 Passagiere ausspucken. Bei sechs Schiffen könnten also 12.000 Landgänger den 1000 Seelen-Ort überfluten. Doch wir haben Glück: Als wir eintreffen, liegen nur zwei Kreuzfahrtschiffe im Hafen!

Es ist immer windig in Skagway. Kein Wunder, dass der kleine Küstenort bereits von den Ureinwohnern, den Tlingits, Skagua genannt wurde, was „windiger Ort“ bedeutet. Einst eines der Einfallstore zum Klondike über den White Pass, gibt es immer noch viele alte Gebäude aus der Zeit des Goldrausches - die Stadt versucht, die Atmosphäre der späten 1890er Jahre zu erhalten. Ganz anders die nur wenige Kilometer entfernt liegende heutige Ghosttown Dyea, Startpunkt des berüchtigten Chilkoot Trail, ein weiteres Einfallstor zum Klondike. Doch von Dyea ist bis auf den Rest einer Pier nichts übrig geblieben. Auf den Dyea Flats am Ufer des Taiya Fjord, dort, wo einst Zehntausende Goldsuchende per Schiff ankamen und eine riesige Zeltstadt errichteten, finden wir für die nächsten Tage eine wunderschöne und kostenlose Campmöglichkeit.

Alles begann, als 1896 im Nordwesten Kanadas, nahe des Zusammenfluss’ von Yukon und Klondike River Gold gefunden wurde. Am 17. Juli 1897 erreichte die „SS Portland“ Seattle, an Bord 68 reiche Goldsucher mit fast 2 Tonnen Gold. Das bedeutete Hoffnung für viele Menschen in einer Zeit der tiefen Wirtschaftsdepression, und ca. 30.000 machten sich auf den Weg, um Gold und damit ihr Glück am Klondike zu finden. Per Schiff kamen sie entweder in Dyea an, wo sie in Zelten lebten oder in Skagway, wo innerhalb kürzester Zeit Häuser und Straßen, Läden, Hotels, Kneipen und Puffs entstanden. Um zu den Goldfeldern und zu einer Ansiedlung, die später Dawson City heißen sollte, zu gelangen, mussten die Menschen entweder auf dem sehr beschwerlichen Chilkoot Trail den 1.070 m hohen Chilkoot Pass oder auf dem weniger steilen, aber längeren White Pass Trail den 873 m hohen White Pass überwinden. Beide Varianten brachten die Glücksucher zum Bennet Lake, ein wichtiges Zwischenziel auf dem Wege zum Klondike. An der kanadischen Grenze auf der Passhöhe wurde kontrolliert, ob jeder den geforderten Einjahresvorrat mitbrachte: In Summe 900 kg Lebensmittel, Kleidung und Ausrüstung. Um diese Mengen über den Pass zu bringen, mussten die Menschen unter heutzutage unvorstellbaren Bedingungen den Weg 20 bis 40 Mal gehen. Das war eine unglaubliche Kraftanstrengung, die sich über drei Monaten hinzog. Auf dem längeren White Pass Trail wurden auch Pferde eingesetzt, von denen jedoch 3000 die Tortur nicht überlebten. Welcher Weg war nun der bessere? Dazu ein Goldsucher, der beide Wege gegangen ist: „Es ist egal, welchen Weg Du nimmst: Du wirst bald wünschen, Du hättest den anderen genommen!“ Der weitere (Wasser-)Weg ab Bennet Lake war nur im Sommer passierbar, nachdem das Eis aufgebrochen war. Also mussten die 900 kg Ausrüstung über 50-60 km von Skagway/Dyea im Winter 1897/98 hierher verbracht werden. Wenn die Menschen dann am Bennet Lake endlich angekommen waren, bauten sie grobe Boote und Flöße aus dem Holz der umliegenden Wälder, die bald abgeholzt waren - über 7000 davon lagen im Spätwinter an den Ufern. Die Menschen warteten in ihren gefrorenen Zelten sehnsüchtig darauf, dass endlich im Mai 1898 das Eis auftaute. Doch auch die Fahrt über Seen und Flüsse mit gefährlichen Stromschnellen war kein Kinderspiel und forderte weitere Opfer. Einfacher, aber auch teurer wurde alles, als Britische Investoren im Mai 1898 mit dem Bau der „White Pass and Yukon Route Railroad“ begannen, die bis Whitehorse führte und im Juli 1900 fertiggestellt wurde. Aber zu diesem Zeitpunkt ging der Goldrausch bereits seinem Ende entgegen! Heute fährt die Bahn nur noch für Kreuzfahrttouristen ab Skagway bis zum 870 m hohen White Pass und zurück. Wir genießen die Zeit in Skagway und Dyea bei bestem Wetter – endlich einmal wieder anfassbare Geschichte, wenn auch nicht aus der Zeit von Cortéz und Consorten.

Die Fährverbindung von Skagway nach Haines dauert nur 45 min und bringt uns in ein kleines Küstenstädtchen, eingebettet in eine atemberaubende Landschaft, die ihresgleichen sucht. Die Stadt wirkt im Vergleich zu Skagway verschlafen, aber ihre Einwohner haben sich mehrheitlich gegen einen Kreuzfahrerrummel à la Skagway ausgesprochen - sie wollen ihre Ruhe behalten! Wir besuchen das kleine, aber feine Sheldon Museum, dass sich mit der Geschichte der Tlingit befasst, der Stamm, der mehrheitlich noch heute unweit der Stadt im Dorf Klukwan lebt. Die alten Gebäude des ersten, 1904 erbauten US-Militärpostens in Alaska, Fort Seward, stehen noch und befinden sich heute im Privatbesitz, dienen als Hotels, Restaurants oder Kunstgalerien. Im einstigen Hospital besuchen wir die heute dort ansässige Werkstatt Indian Arts, in der u. a. alte Kanus oder Totems restauriert werden oder auch neu entstehen. Benannt wurde das Fort nach dem US Außenminister William H. Seward, der den Kauf Alaskas von Russland in die Wege leitete. Unser Camp für die nächsten Tage liegt auf der schmalen Chilkat-Halbinsel zwischen Lynn- und Chilkat-Fjord, umgeben von schneebedeckten Berggipfeln und zwei Gletschern. Die Weißkopfseeadler sind hier zu Hause, nach dem Kalifornischen Kondor die größten Greifvögel Nordamerikas. Und tatsächlich sitzt am Morgen ein Vogel vor unserem Auto am Ufer des Fjords. Kurz vor unserer Weiterreise machen wir Halt bei der Haines Packing Co., Alaskas ältestem Lachsverarbeiter, und eine Seite geräucherten Lachs’ geht in unseren Besitz über.
 

Über Haines Junction nach Whitehorse
Die Haines Road führt uns entlang des Chilkat River zum Tlingit-Indianerdorf Klukwan, und im dortigen Jilkaatkwaan Heritage Center bewundern wir eine Ausstellung mit außergewöhnlich schöner und alter Handwerkskunst. Von hier aus starten Schlauchboottouren, was bei dem windigen Wetter sicher nicht nur Vergnügen ist. Am sehr idyllisch gelegenen Nachtplatz am Mosquito Lake umschwirren uns, wenig überraschend, die Mücken von der Größe XXXL, so dass wir am nächsten Tag unsere Reise fortsetzen und nach Kanada zurückkehren. Die Uhr wird wieder eine Stunde vorgestellt, zurück zur Pacific Time. Als wir den Chilkat Pass auf nur 1.005 m Höhe erreichen, haben wir trotzdem bereits die Baumgrenze hinter uns gelassen. Im Westen zieht sich die dramatische Bergkulisse der St. Elias Mountains mit 17 der 20 höchsten Berge Kanadas durch den Tatshenshini-Alesk Park und den sich anschließenden Kluane National Park. Die Eisfelder in diesem Gebirge sind (bis auf die Polareisdecken) die größten der Welt - wobei wir ähnliche Aussagen auch aus den Anden Südamerikas kennen. Einer lügt! Wir wandern hinauf zu einem Felsgletscher, eine von isolierendem Felsbruch bedeckte Eismasse, die mit der Geschwindigkeit eines „normalen“ Gletschers zu Tal wandert. Von dort oben bietet sich uns bei strahlend blauem Himmel ein wunderschöner weiter Blick auf den Dezadeash Lake, und am Wegesrand erfreuen uns bunt blühende Wildblumen. Auch am türkis-blauen Kathleen Lake scheint die Sonne, aber ein kalter Wind zwingt uns in dicke Jacken und Mützen, mindert aber nicht die Schönheit der Landschaft.

In Haines Junction stoßen wir den Alaska Highway. Die kleine katholische Kirche „Lady of the Way“ ist eine lokale Attraktion: Sie wurde 1954 aus Teilen einer alten Armee-Wellblechhütte erbaut, die nach Fertigstellung des Alaska Highway hier als Schrott zurückgelassen worden war. Nur noch wenige Kilometer sind es nun bis Whitehorse, das seinen Namen den einst hier weiß schäumenden, Pferdemähnen ähnelnden, heute aufgrund eines Staudammbaus nicht mehr sichtbaren Stromschnellen des Yukon River verdankt, der sich hier durch den sehr schmalen 2 km langen Miles Canyon zwängen muss. Drei Tage bleiben wir in Whitehorse, denn es gibt viel zu sehen und zu erkunden, was wir der verschlafen wirkenden Hauptstadt des Yukon Territory auf den ersten Blick nicht ansehen. Als 1900 die Bahnstrecke von Skagway/Alaska bis Whitehorse fertiggestellt wurde, wandelte sich die Stadt als Endbahnhof und südlichster Flusshafen am Yukon in eine wichtige Transportdrehscheibe für die Goldsucher. Einen zweiten Boom erlebte die Stadt 1942 mit dem Bau des Alaska Highway, und seit 1953 ist sie Yukon-Landeshauptstadt, in der 28.000 Menschen, immerhin dreiviertel der Yukon-Bevölkerung, leben. Entlang des Yukon führt ein Wanderweg zunächst zum historischen „Sternwheeler (Heckschaufelraddampfer) SS Klondike II“, der von 1937 bis 1955 seine Dienste tat und nun als Museum auf dem Trockenen liegt. Am anderen Ufer des Yukon River gelangen wir zu einer ganz anderen Attraktion, zur längsten Fischleiter der Welt. Der 1958 zur Stromerzeugung erbaute Schwatka Lake Staudamm versperrte den von der Beringsee heraufziehenden Lachsen den Weg zu ihren Laichgründen. Aus diesem Grund wurde diese Fischleiter gebaut, auf der die Lachse nun seitlich am Staudamm vorbeigeführt werden. 3000 Kilometer müssen die Tiere von der Yukon-Mündung bis hierher zurücklegen, und das schaffen nur die kräftigsten, die Chinook-Lachse. Aber jetzt ist es noch zu früh, sie werden erst Mitte Juli erwartet.

Auf dem Weg zurück zum Stadtzentrum fallen uns viele Baumstümpfe auf, die typische Bibernagespuren zeigen. Und tatsächlich sehen wir bald in einem Yukon-Nebenarm eine ziemlich große Biberburg. Leider regnet es gerade, und die Biber bleiben in ihrer Burg, um nicht nass zu werden! Im Yukon Transportmuseum erfahren wir alles über Transportmittel von gestern bis heute, vom Hundeschlitten bis zum Flugzeug. Und vor dem Museum befindet sich die größte Wetterfahne der Welt: Eine aufgesockelte alte „Douglas DC3“, die sich ab Windstärke 5 (naja, sie wiegt ein paar Tonnen) mit dem Wind dreht.

In die Zeit unseres Aufenthaltes fallen zwei Veranstaltungen. Im Kulturzentrum Kwanlin Dün läuft fünf Tage lang das Adäka Cultural Festival (ja, die lokale Indianersprache kennt Umlaute!), das von den Stämmen der First Nations, wie die Indianer heute politisch korrekt genannt werden, ausgerichtet wird. Das Geschichtenerzählen sowie traditionelle Tänze und Lieder haben einen hohen Stellenwert in der First Nations-Kultur. Einige der Aufführungen schauen wir uns an, wobei einige der Gesänge mit und ohne Trommelbegleitung für unsere Ohren gewöhnungsbedürftig sind. Aber alles wird mit viel Gefühl und Freude, oft von Laiengruppen, vorgetragen, und das schon verdient unsere Anerkennung. 14 verschiedene First Nations Stämme mit jeweils eigener Sprache sind im Yukon heimisch, und in der Schule werden diese Sprachen den Kindern als Zweitsprache angeboten, um sie vor dem Sprachtod zu bewahren. Dass das Festival um den 1. Juli herum ausgerichtet wird, ist sicher kein Zufall, denn am 1. Juli ist Canada Day, der Nationalfeiertag Kanadas. Er erinnert die (weißen) Kanadier an die Aufnahme Kanadas als Konföderation dreier britischer Kolonien in den Commonwealth of Nations durch den „British Northamerica Act“ am 1. Juli 1867. Wir schauen einer Parade zu, die neben einigen politisch-offiziellen Elementen allerdings auch einiges von einem Karnevalsumzug hat. Und, was uns nicht wundert: Kein einziger Indianer ist auf der Veranstaltung zu sehen. Denn vergessen haben die Indianer die Unterdrückung durch die früheren Kolonialherren nicht; sie verbinden mit dem Canada Day eher Unterwerfung, nichts, was man ihrer Meinung nach feiern könnte: Sie wurden in Reservate abgedrängt, um den europäischen Einwanderern Platz zu machen, wodurch sie ihr Land und ihre Bewegungsfreiheit verloren. Viele gerade auch in jüngerer Vergangenheit wieder vorgetragene Liedertexte beschäftigen sich mit diesem Thema. Inzwischen wurden und werden zwischen der kanadischen Regierung und den First Nations zahlreiche Verträge ausgehandelt, in denen es hauptsächlich um die Rückgabe von vergleichweise winzigen Landflächen und um Selbstverwaltung geht. Trotzdem: Insgesamt ist unser Eindruck, dass die Indianer in Kanada besser dastehen, behandelt und akzeptiert werden als in den USA und ganz bestimmt besser als die Ureinwohner Australiens.

Zum Abschluss unseres Whitehorse Aufenthalts entspannen wir uns ein paar Kilometer weiter in den Takhine Hot Springs im 39 Grad warmen Wasser.


Auf dem Klondike Highway nach Dawson City
Auf unserem Weg über den Klondike Highway übernachten wir immer wieder auf Government Campgrounds, die, im Gegensatz zu vielen kommerziellen RV Parks, fast immer sehr schön gelegen sind. Im kleinen Ort Carmacks schauen wir uns das 1880 erbaute Roadhouse an: Im Winter, wenn der Schiffsverkehr auf dem Yukon zum Erliegen gekommen war, gab es nur eine mit Hunde- und Pferdeschlitten aufrecht erhaltene Landverbindung zwischen Dawson City und der Außenwelt. Die in Abständen von 12 Meilen errichteten Roadhouses dienten dabei als Versorgungsstationen für Menschen und Tiere. Und hier treffen wir wieder auf den Yukon River, der uns nun bis Minto begleiten wird, um dann nach Westen abzubiegen. Die Five-Finger-Rapids, so genannt wegen der vier Inseln, die den Fluss in fünf Kanäle mit Stromschnellen zwingen, wurden so manchem Goldsucher auf dem Weg nach Dawson City zum Verhängnis. Wir lernen hier ein Filmteam des TV-Senders DMAX kennen: Sie sind dabei, im Yukon eine Reality-Show „Goldrausch“ zu drehen, an der 20 Personen aus Deutschland teilnehmen. Nach Ausscheidungswettbewerben sollen zwei Personen übrig bleiben, die dann auf dem Gelände einer aktiven Mine nach Gold schürfen dürfen. DMAX scheint ein Sender für ein besonders anspruchsvolles Publikum zu sein – wir kennen ihn leider nicht. Also werden wir nicht verfolgen können, wer beim Regenwurmwettessen ausgeschieden ist.

Entlang von Wald- und Sumpfgebieten erreichen wir schließlich Dawson City, wo wir vier Tage bleiben. 1896 wurde der Ort gegründet, und innerhalb von nur zwei Jahren ließ der Traum vom Gold die ehemalige Indianersiedlung zu einer Stadt mit 30.000 Einwohnern anschwellen. Heute leben hier noch 2.000 Menschen dauerhaft, die viel dafür tun, das Flair der Goldrauschjahre zu erhalten. Am 17. August 1896 stießen ein Weißer und zwei Indianer am (später so genannten) Bonanza Creek auf Gold und lösten damit den Klondike Goldrausch aus. Unglaubliche Strapazen (siehe oben) und den größeren Teil eines Jahres hatten die Möchtegern-Goldsucher investiert, um zu den Goldfeldern am Klondike zu gelangen - um dann am Ziel feststellen zu müssen, dass bereits alle Claims abgesteckt waren, und sie lediglich noch die Möglichkeit hatten, zu miserablen Bedingungen für die Claim-Inhaber zu arbeiten. Die Goldrauschzeit wird in einer Fotoausstellung im ehemaligen „Harringston’s Store“ sehr anschaulich dargestellt. Dawson war sehr abgeschieden, im Winter nahezu vollständig, und sehnsüchtig warteten die Männer auf eine der seltenen Nachrichten von der Familie zu Hause. Hier ein Auszug aus einem Brief an einen der Goldsucher: „Dear Allie, mother wants me to tell you, if you have occasion to wash your flannel underwear to be sure to wash and rinse them in water as hot as you can bear your hands in or they will shrink so small you cannot wear them. In love Aunti.” Unter welchen miserablen Umständen die “Verlierer” des Goldrausches hier lebten, war den Daheimgebliebenen oft nicht bekannt. Aber es gab auch viele Gewinner. Neben den fündig gewordenen Claimbesitzern nicht zuletzt die Geschäftsleute, denn schnell etablierten sich die Versorgungseinrichtungen einer Boom-Town: Hotels, Theater, Spielcasinos, Kneipen und Puffs. So manch einer ist seine mühsam geschürften Nuggets ganz schnell wieder losgeworden.

Noch immer ist das Goldwaschen, neben Tourismus, eine der Haupteinnahmequellen für die heutigen Einwohner von Dawson City. In 120 Jahren wurden bislang rund 20 Mio. Unzen Gold aus den Flusskiesen gewonnen, entsprechend einem heutigen Gegenwert von ca. 25 Milliarden Euro, und auch heute noch waschen überwiegend kleine Familienunternehmen erfolgreich die Kiese durch, an die die gigantischen Schwimmbagger, die schon nach wenigen Jahren die Einzelkämpfer von ihren Claims verdrängt und das Goldwaschen industrialisiert haben, seinerzeit nicht herangekommen sind. Natürlich besichtigen wir einen dieser Bagger 15 km außerhalb der Stadt, und wir sind fasziniert und äußerst beeindruckt von diesem Stück gigantischer (Grob-)Mechanik des ausgehenden 19. Jahrhunderts! Wer sich für Details dieser Riesenmaschinen interessiert, findet HIER weitere technische Informationen.

Was wäre ein Dawson City-Besuch, ohne im Spielcasino „Diamond Tooth-Gertie“ die sehr professionelle Can-Can-Show gesehen zu haben? Wir jedenfalls lassen sie uns nicht entgehen! Der Name Diamond Tooth (Diamantzahn) geht auf die Tänzerin Gertie Lovejoy zurück, damals fast schon eine städtische Institution, die, ihrer Zeit voraus, einen Diamanten zwischen ihre Schneidezähne hatte einarbeiten lassen. Kurzum – uns gefällt Dawson City. Es gibt viel zu sehen und der Hauch von Gesetzeslosigkeit oder besser: Laissez-faire, der immer noch durch die Stadt wabert, ist ganz nach unserem Geschmack: So übernachten wir mitten in der Stadt am Yukon-Ufer, eigentlich ein No Go in kanadischen Städten, und die Polizei fährt vorbei und winkt uns freundlich zu!

Doch nach 4 Tagen müssen wir weiter: Im Visitor Center erfahren wir, dass unserer nächsten Etappe, der Dempster Highway hinauf zum Polarkreis und darüber hinaus zum Eismeer bis nach Tuktoyaktuk offen ist. Also auf zum Nordpol!


Auf dem Dempster Highway nach Tuktoyaktuk
Ganz unterschiedliche Aussagen haben wir über den Dempster gehört: Von „ziemlich langweilig“ über „da muss man gewesen sein“ bis „fantastisch und beeindruckend“. Nun, wir wollen uns selbst einen Eindruck verschaffen und nehmen die 1.760 Pistenkilometer hin und zurück in Angriff. 1959 begann der Bau der auf Permafrost gebauten Schotterstraße, aber erst 1979 erreichte sie mit Inuvik ihren vorläufigen nördlichen Endpunkt. Und die letzten 144 km bis zum Nordpolarmeer wurden erst Ende 2017 freigegeben. In Internet-Reiseberichten kursiert die Behauptung, dass hinter Inuvik nur noch Fahrzeuge bis 5 to die Straße befahren dürfen. Richtig ist, dass die ganze Strecke bis zum Eismeer bis 12,5 to freigegeben ist, nach heftigen Regenfällen der Abschnitt hinter Inuvik aber tatsächlich für Fahrzeuge über 5 to gesperrt werden kann. Wir können bestätigen, dass auch bei trockener Straße einige Abschnitte ziemlich weich sind, die aber auch mit nur einer angetriebenen Achse problemlos zu bewältigen sind.

Nun ist der Dempster keine schnurgerade verlaufende langweilige Piste, vielmehr passt sie sich dem Gelände an, klettert am North Fork Pass auf 1.289 m, um in Tuktoyaktuk bis auf Meereshöhe abzufallen. Wir erleben diese Piste bei gutem und bei (sehr) schlechtem Wetter. Und müssen in der Zeit zweimal unseren Wagen einer Wäsche unterziehen, um überhaupt noch ins Auto gelangen zu können. Trotzdem bereuen wir nicht, diesen „kleinen 1800 km-Umweg“ gemacht zu haben. Es gibt langweilige Streckenabschnitte, aber die schönen überwiegen bei Weitem. Wir lernen Landschaften kennen, die wir nie zuvor gesehen haben: Wir fahren durch bewaldete Bergregionen und Flusstäler, durch Schluchten, durch mit niedrigen Bäumen bewachsene Taiga und baumlose, nur noch mit Gras, Moosen und Flechten bewachsene Tundra, durch Sumpf- und Seengebiete, überqueren Peel und Mackenzie River per Fähre und besuchen drei der vier am Dempster Highway gelegenen Orte. Richtig dunkel wurde es nachts bereits in Dawson City nicht mehr, aber nach Überqueren des Arctic Circle (Nördlicher Polarkreis) benötigen wir am Abend ganz bestimmt keine Lichtquelle mehr, denn die Sonne steht nun 24 Stunden über dem Horizont! Vielmehr sind zum Schlafen nun Verdunkelungen erforderlich! Und unser ganze Tagesrythmus ist im Dutt (für Nicht-Norddeutsche: durcheinander), denn wenn die Frage; "Sollten wir nicht mal langsam zu Abend essen?" von einem Blick auf die Uhr begleitet wird, heißt es oft: "Mensch, es ist ja schon 23 Uhr!" Die uns geläufige Steuerung durch das Tageslicht fehlt einfach.

Wir erreichen die Provinz Northwest Territories und den kleinen Ort Fort McPherson, Heimat der Tetlit Gwich’in Indianer. Hier besuchen wir u. a. den Friedhof, auf dem die vier Mitglieder der „Lost Patrol“ der Northwest Mounted Police begraben liegen, die im Winter 1910/11 auf einer Patrouille verschwanden und nur noch tot geborgen werden konnten. Inuvik, mit 3.500 Einwohnern Heimat mehrerer Indianerstämme, ist unser nächstes Zwischenziel, der größte Ort am Dempster Highway und nicht sehr attraktiv. Die im Iglu-Stil erbaute Kirche hat mit Paris nur insoweit etwas zu tun, als sie den gleichen Namen trägt wie „Notre Dame des Victoires“, nämlich „Our Lady of Victory“. Inuvik steht auf Permafrostboden, der sich immer dort ausbildet, wo die Jahresdurchschnittstemperatur −1 C und der Jahresniederschlag 1000 Millimeter nicht übersteigen. Permafrostboden taut im Sommer oberflächlich auf, was unter Straßen und Gebäuden verhindert werden muss, wenn sie nicht absinken sollen. In Inuvik, eine relativ junge Stadt, stehen deshalb alle Gebäude auf Stelzen, die bis in die permanent gefrorenen Bereiche des Bodens hinabreichen und somit ein festes Fundament bilden. Außerdem umströmt Luft den Unterboden des Hauses und transportiert die vom Gebäude nach unten abgestrahlte Wärme ab. Auch sind alle Versorgungsleitungen oberirdisch geführt, isoliert und mit Wellblech ummantelt, um die Einleitung von Wärme in den Boden zu verhindern. Hierher eine Straße zu bauen war deshalb sehr aufwändig: Sie wurde durchgehend auf einem Damm errichtet, mit einer besonders dicken Schicht aus Fels und Schotter, um den darunter liegenden Permafrostboden vor der sich bei Sonnenschein aufheizenden Straße mit Wärmeübergang in den Boden zu schützen und ihn in einem stabilen gefrorenen Zustand zu halten.

Die Auftauzone von Permafrostboden ragt je nach Klima zwischen 30 Zentimetern und 2 Metern in den Boden hinein. Die darunter liegenden Bereiche bleiben weiterhin gefroren, doch sie verhindert die Drainage von Regen- und Schmelzwasser – die verbleiben an der Oberfläche, gespeichert in Sümpfen, Teichen und Seen. Auf dem letzten Streckenabschnitt bis Tuktoyaktuk, der uns besonders gut gefällt, ist dieses Phänomen sehr gut sichtbar. Die Piste mäandert durch ein Gebiet mit Tausenden von großen und kleinen Seen (die auch mitten auf einem Hügel liegen können), so dass jedes Paar der hier heimischen Arktischen Schwäne mindestens einen für sich beanspruchen kann.

Im winzigen Tuktoyaktuk, von den Einwohnern liebevoll zu Tuk verkürzt, stehen die Häuser auch auf Pfählen, aber statt der oberirdisch verlegten Leitungen sind an den Gebäuden isolierte Tanks für Wasser/Abwasser angebracht, so dass der Boden nicht erwärmt wird. Und nun sind wir am Nordpolarmeer angekommen, am nördlichsten Punkt dieser Reise. Das Wetter ist prima, mal Sonne bei 10 Grad, am nächsten Tag bei 23 Grad, mal Wind und keine, mal kein Wind und viele Mücken. Und wenn man es möchte, kann man sich 24 Stunden lang von der Sonne bescheinen lassen. Um Tuktoyaktuk herum kann man auch ein besonderes Naturphänomen besuchen: Pingos, große, mit isolierendem Erdreich bedeckte Eishügel, die der Permafrostboden unter einem langsam austrocknenden Seeboden emporgehoben hat. Wer mehr über Pingos wissen möchte, klicke HIER. Uns gefällt der pittoreske, noch sehr ursprüngliche Ort. Für seine Einwohner sind mit eigenem Fahrzeug anreisende Touristen neu, denn erst November 2017 wurde die Straße hierher für den allgemeinen Verkehr freigegeben. Aber alle sind sehr freundlich, haben den Wohnmobilisten auf einer Landzunge einen Platz eingeräumt, der eigentlich ihr Platz ist, an dem sie sich am Abend immer getroffen haben. Sie sind gerade dabei, hier ein Gebäude für eine Touristeninformation zu errichten, aber die Fertigstellung wird sich wohl noch hinziehen, denn Sommer und Bausaison sind kurz. Und dann werden sie feststellen, dass nichts mehr so ist wie früher …..!


West to Alaska
Nach zehn Tagen auf dem Dempster Highway erreichen wir wieder Dawson City, bummeln ein letztes Mal durch die Straßen und genießen noch einmal das unglaublich leckere Eis vom „Klondyke Cream & Candy“-Shop. Per Fähre setzen wir auf das andere Yukon-Ufer über und besuchen dort einen Schiffsfriedhof. Die hier einst aufgegebenen fünf Schaufelraddampfer sind weitestgehend zerfallen, und die Natur hat vieles bereits überwuchert – hervorragende Motive für die im Moment rollende „Lost Places“-Fotomode. Auf dem Top of the World Highway geht es durch eine herausragende Landschaft in Richtung Grenze zu Alaska. Der Highway trägt seinen Namen zu Recht, denn die Piste windet sich auf der Kammlinie einer nur zum Teil bewaldeten Bergkette mit extrem weiten Blicken in alle Richtungen. Im Osten sind noch die Gipfel der Ogilvie Mountains zu erkennen. Nach ca. 100 km erreichen wir Poker Creek, den nördlichsten Land-Grenzübergang der USA. Kurz vor der Grenze haben wir unglaubliches Glück: Die mehrere Tausend Tiere große „40 Mile“-Karibuherde kreuzt unseren Weg – Karibus, Verwandte unserer europäischen Rentiere, wohin das Auge schaut! Die erneute Einreise nach Alaska, diesmal in das Alaska-Kernland, ist problemlos. Wieder haben wir eine Stunde gewonnen, es gilt Alaska Time. Hier beginnt nun unsere ausgedehntere Reise durch den 49. und größten Bundesstaat der USA. Doch darüber im nächsten Bericht mehr!

Bis dahin alles Gute und - schmelzt nicht weg,
Bettina & Rolf

Anchorage/Alaska, im Juli 2018
 
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