Alaska-Kernland - Bettina & Rolf Sparthmann unterwegs!

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Kenai Fjords National Park/Alaska
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Alaska-Kernland
Juli/August 2018

Von der Grenze zum Denali National Park
Wir haben Alaskas Kernland erreicht. Alle Orte Alaskas, die wir bisher besucht haben (Hyder, Skagway, Haines) liegen im Alaska Panhandle, im „Pfannenstiel“, doch ab jetzt ist die „Pfanne“ unser Ziel (siehe HIER). Um Verwirrungen vorzubeugen: Wenn wir in diesem Bericht von „Alaska“ reden, meinen wir das Kernland! Alaska ist nicht nur der größte, sondern auch der nördlichste und westlichste Bundesstaat der USA; außerdem ist es die größte Exklave der Welt, die sich gerne mit dem Zusatz „Last Frontier“ schmückt. Die USA erwarben das Gebiet 1867 vom Russischen Zarenreich zu einem Spottpreis von nur 4,74 $/qkm, einer der billigsten Landkäufe der Geschichte. Ganz sicher würde Herr Putin einem Verkauf heute nicht mehr zustimmen, aber damals war die einzige Übersee-Kolonie Russlands nicht mehr rentabel (Pelztiere wie Seeotter waren so gut wie ausgerottet) und schwer zu verwalten. Und nach dem verlorenen Krimkrieg brauchte Zar Alexander II dringend Geld. In Sitka, der alten Hauptstadt, wurde am 18.10.1867 die russische Flagge eingeholt und die der USA gehisst.

Die erste Attraktion für uns ist der kleine Ort Chicken. Noch vor dem Klondike-Goldrausch wurde hier 1886 Gold entdeckt, und 10 Jahre später arbeiteten ca. 700 Minenarbeiter in der Gegend. Ab 1959 wurde mit dem Schwimmbagger "Dredge 4" noch acht Jahre lang erfolgreich Gold gewonnen. Es hat also auch hier reichlich goldgerauscht, und ähnlich wie in Dawson City wird noch heute in den Creeks nach Gold geschürft. Der alte Ort Chicken ist verlassen, aber „Downtown Chicken“ ist der Anziehungspunkt für alle Durchreisenden: Es ist lediglich ein langgestrecktes Gebäude mit einem Souvenirladen, einer exotisch-erotischen Bar und einem rustikalen Restaurant. Wir lassen uns das frisch gezapfte lokale Bier und köstliche Lachsburger (unsere ersten) schmecken und bleiben über Nacht. Eigentlich sollte der Ort nach dem (heutigen) Nationalvogel Alaskas „Ptarmigan“ genannt werden. Aber man konnte sich nicht über die Schreibweise einigen, also wurde Chicken daraus, denn das Ptarmigan ist ein huhnähnlicher Vogel. Es ändert je nach Jahreszeit seine Farbe, und am Salmon Gletscher haben wir es im weißen Federkleid erlebt. Diese Alpenschneehühner, die hier sehr zahlreich vorkamen, dienten den Goldgräbern als leicht zu fangende Nahrung, da die Hühner entweder zu zutraulich oder zu blöd waren und sind.

Wir verlassen Chicken und gelangen über Tok und Delta Junction auf den Richardson Highway. Das Wetter ist fantastisch, und in der Ferne erblicken wir die ersten weißen Gipfel der Alaska Range, ein 650 km langer Gebirgsstock der amerikanischen Kordilleren. U. a. entlang des Richardson Highway verläuft die Trans-Alaska-Pipeline. Der Bau der 1.287 km langen Pipeline von Prudehoe Bay an der Beaufort Sea bis zum das ganze Jahr über eisfreien Hafen von Valdez am Prince William Sound dauerte knapp zwei Jahre. Seit der Inbetriebnahme am 20.6.1977 sind über 16,5 Mio. Barrel Rohöl durch die Röhren (Durchmesser 1,2 m) geflossen. Die Pipeline überquert drei Bergketten, verläuft durch Wälder und über Hochebenen und überquert ca. 800 Bäche und Flüsse. Um den Permafrostboden zu schützen, verläuft mehr als die Hälfte oberirdisch auf Stelzen. Und auch dort, wo aus Praktikabilitätsgründen Abschnitte unterirdisch verlegt werden mussten, wurden Kühlkörper an die Luft geführt. Einst als technische Meisterleistung gefeiert, ist die Pipeline aufgrund diverser Lecks inzwischen in die Kritik geraten.

Wir übernachten am hübsch gelegenen Fielding Lake, bevor es auf den 215 km langen Denali Highway geht. Der „Highway“ entpuppt sich zwar als eine teilweise recht holperige Piste, aber wir sind sehr froh, diese Strecke gewählt zu haben. Denn hier erleben wir noch etwas von der viel zitierten Einsamkeit und Wildnis Alaskas, die sonst ohne Buschflugzeug kaum noch zu finden ist. Die Piste führt uns bis auf 1.245 m hinauf, immer in Sichtweite der Alaska Range-Gipfel, vor ihnen Hochebenen mit Flüssen, Seen und Mooren. Die fantastischen Nachtplätze haben wir für uns allein, und zwischen dem niedrigen Buschwerk finden wir die ersten Pilze – leckere Rotkappen. So in etwa hatten wir uns Alaska vorgestellt! 1957 wurde der Denali Highway gebaut, und er war seinerzeit die einzige Straßenverbindung zum Denali Nationalpark. Das änderte sich erst, als 1972 der Parks Highway von Fairbanks nach Anchorage eröffnet wurde. Kurz vor Erreichen des Parks Highway erblicken wir bereits den mächtigen 6.194 m hohen Denali, Nordamerikas höchsten Berg.


Denali National Park
Wir wissen, dass ein Campground-Platz im Denali-Nationalpark Monate vorher reserviert werden muss. Trotzdem versuchen wir unser Glück, aber ohne Erfolg. Ohne einen reservierten Campground-Platz darf man mit dem eigenen Fahrzeug nur 24 km in den Park fahren. Will man mehr vom riesigen Park sehen, muss man sich zwingend einer Bustour anschließen. Doch auch, wenn man einen der begehrten Campsites tiefer im Park ergattert hat: Sich über die An- und Abfahrt hinaus im Park zu bewegen heißt immer: Klassenausflug im Bus! Und deshalb entscheiden wir uns spontan zu einer 12-stündigen Bustour am nächsten Tag, gemeinsam mit Christa und Martin, die wir in Tuktoyaktuk kennengelernt und hier wiedergetroffen haben.

Am Abend gehen wir im Park Visitor Center zu einem Konzert der besonderen Art, zu einem sog. „Wilderness Concert“: Im Rahmen eines Sommerfestivals und nach einem nicht näher erläuterten Auswahlverfahren hat die Nationalparkverwaltung 9 Komponisten ausgewählt, die mit einer Rangerin eine fünftägige Wanderung durch den Denali National Park unternahmen. Danach hatten sie 2 ½ Tage Zeit, ein kurzes Musikstück zu komponieren, welches ihr persönliches Naturerleben widerspiegeln sollte. Eine kleine Gruppe von Musikern bekam dann ebenfalls nur 2 ½ Tage Zeit, die Stücke einzuspielen. Alle Komponisten erklären vor der Aufführung, was sie zum Ausdruck bringen wollten, was sehr notwendig und hilfreich ist. Ein interessanter Abend, außerdem gefallen uns zwei der neun Stücke wirklich gut. Prima Background-Musik für eine kommende Bildershow!

Das Wetter am nächsten Tag spielt mit, so dass wir die tatsächlich beeindruckende, abwechslungsreiche Landschaft zumindest durch die trüben, nur mit Fingernagelabbrechaktionen zu öffnenden winzigen Fenster des Busses erblicken können. Leider können wir dies nicht im Bild festhalten, da der Bus zwar stoppt, wenn in 700 m Entfernung ein Elch oder ein Bär zu erahnen ist, und der ganze Bus außer uns vieren aus dem Häuschen gerät, nicht aber bei schönen Landschaften. Und wenn sich schemenhaft ein Bär zeigt, drängeln sich mindestens fünf Arme mit sieben Smartphones in der winzigen Fensteröffnung! Am Eielson Visitor Center jedoch bietet sich uns ein herrlicher Blick auf den stets schneebedeckten Gipfel des mit 6.194 m höchsten Berg Nordamerikas. Ursprünglich wurde der Berg nach dem 25. US-Präsidenten William McKinley benannt (1901 ermordet), heißt aber seit 2015 Denali, was in der örtlichen Indianer-Sprache „der Hohe“ bedeutet. Das ging nicht ohne Widerstand, denn Politiker aus Ohio, McKinleys Heimatstaat, blockierten lange die bereits sehr viel früher vorgeschlagene Namensänderung, eine Verbeugung vor den Traditionen der indianischen Ureinwohner.

Und genau hier hätten wir die Bustour abbrechen sollen, denn danach gibt es für uns nichts Aufregendes mehr zu sehen. Aber bekanntlich ist man immer erst nach der Kirche schlauer! Fazit: Wir haben nur wenige Tiere gesehen, und die aus der Nähe können wir an drei Fingern abzählen. Die Tour war viel zu lang. Der Bus war klimatisiert, d. h., es war viel zu kalt dank der Vorliebe der Amerikaner für Wohlfühltemperaturen unter 16 C. Zur Belohnung für das Ausharren nehmen wir jeder eine dicke Erkältung mit nach Hause, die uns für den Rest unseres Alaska-Aufenthaltes quälen wird. Wie gut haben wir es, dass wir normalerweise immer selbst entscheiden können, wie kalt oder warm es sein soll, was sehenswert ist oder nicht und wo wir anhalten oder weiterfahren möchten.


Über den Hatcher Pass nach Anchorage
Nach einem langen unterhaltsamen Abend mit Christa und Martin verabschieden wir uns von den beiden am nächsten Morgen. Die Wolken hängen heute tief, so dass uns ein Blick zurück auf den Denali nicht vergönnt ist. Aber kaum haben wir das Gebiet um den Nationalpark verlassen, haben wir das Glück, einige Tiere aus der Nähe beobachten zu können.

Vom Parks Highway zweigt die Piste ab, die uns über viele Serpentinen und durch eine sehr schöne Landschaft zum Hatcher Pass und zum Summit Lake hinauf führt. Es ist ziemlich kalt hier oben, und Eis- und Schneereste umgeben den kleinen Gebirgssee. Aber schön ist es hier, und wir freuen uns, ein ruhiges Plätzchen gefunden zu haben. Doch weit gefehlt, denn plötzlich sind wir von 20 Fahrzeugen umzingelt: Eine Hochzeitsgesellschaft ist zum Foto-Shooting angereist! Während sich die Gäste in dicke Jacken gehüllt am See vor einem Schneefeld versammeln, erscheint das Brautpaar, sie im weißen, ärmellosen Hochzeitskleid. Liebe macht offensichtlich nicht nur blind, sondern auch kälteunempfindlich! Nach einer Stunde dürfen alle wieder in zurück in wärmere Gefilde, und wir sind wieder allein.

Wenn man in diesem Teil der Welt unterwegs ist, lässt einen das Gold nicht los. Und auch in dieser Gegend hat es heftig gerauscht: Wir besichtigen hinter der Passhöhe die hochinteressante Geisterstadt der „Independence Mine“, die in den 1930er Jahren eine der größten Goldminen der Region war. In Wasilla, am Rande einer großen Seenplatte, besuchen wir das „Iditarod Trail Sled Dog Race“-Zentrum. Hier wird uns alles über Schlittenhunde und das weltweit bedeutendste, über 1.700 km gehende Schlittenhunderennen vermittelt. Nachdem wir uns im Zentrum einen Informationsfilm angesehen haben, wissen wir, dass die Schlittenhunde nicht gedopt werden; dass sie nicht überfordert werden, sondern dass sie aus spielerischem Antrieb ganz freiwillig und sehr gerne die lange Strecke laufen; ja, dass die Rennen eigentlich nur der Erbauung der Hunde dienen. So erhellt, machen wir uns auf die wenigen letzten Kilometer nach Anchorage.


Anchorage
Die größte Stadt Alaskas mit ca. 300.000 Einwohnern liegt am Ende der tief ins Land hineinragenden Bucht des Cook Inlet. Bereits 1778 erforschte der britische Kapitän James Cook auf der vergeblichen Suche nach der Nordwestpassage den später nach ihm benannten Meeresarm. Die Stadt erscheint uns wenig attraktiv, daher halten wir uns längere Zeit im sehr sehenswerten Anchorage Museum auf, in dem uns sogar die zeitgenössische Kunst gefällt.

Die Stadt rühmt sich damit, man könne mitten in der Stadt, nämlich im Ship Creek, Lachse angeln. Und tatsächlich ziehen zurzeit die Pink Salmon durch Anchorage, von denen so einige, wie wir beobachten können, ihre Laichplätze nicht erreichen werden. Doch dazu gehört Anglerglück, denn kurz vor dem Laichen fressen die Lachse nicht mehr. Es ist lediglich ein Reflex, der sie nach dem Köder schnappen lässt.

Im angeblich verkehrsreichsten Wasserflughafen der Welt am Lake Hood reiht sich tatsächlich ein Flugzeug an das nächste, darunter solche, denen wir unser Leben nicht anvertrauen würden. Pausenlos landen und starten die kleinen Maschinen auf dem Wasser, während sich vom 500 m entfernten (Land)Flughafen die Fracht-Jumbos in den Himmel schrauben.


Kenai-Halbinsel
Nach zwei Tagen machen wir uns auf den Weg zu einer der (laut Reiseführer) attraktivsten Regionen im südlichen Alaska, zur Kenai-Halbinsel, die vom Cook Inlet und vom Golf von Alaska umspült wird. Der Wetterbericht verspricht für morgen 12 Stunden Sonnenschein, und so buchen wir eine sechsstündige Bootstour ab Seward in den Kenai Fjords Nationalpark. Am nächsten Morgen herrscht allerdings dichter Nebel, und wir befürchten schon, dass wir nichts zu sehen bekommen werden. Aber später hellt es auf, und es wird tatsächlich noch ein sonniger Tag. Buckelwale, Seeotter, Seelöwen und Seehunde kreuzen unseren Weg, bis die Eismassen des Holgate Gletschers vor uns liegen, einer der Eisabflüsse vom Harding Icefield ins Meer. Es grummelt, wenn sich, für uns unsichtbar, Eisbrocken vom Gletscher lösen. Auch in Seward scheint bei unserer Rückkehr die Sonne, und im Hafenbecken tummeln sich die possierlichen Seeotter. Auch der Exit Gletscher oberhalb von Seward gehört zum Harding Icefield, und über einen Pfad wandern wir zum weit zurückgezogenen Gletscherende hinauf.


Wir verholen nach Kenai, Namensgeber und größte Stadt der Halbinsel. 1791 wurde der Ort als Nikolask von den Russen gegründet, aber lediglich eine orthodoxe Kirche und eine kleine Kapelle erinnern an diese Zeit. Gegenüber liegt ein hübsches Café, und bei leckerem Kuchen erinnern wir uns mit etwas Wehmut an unsere Zeit in Russland. Dass Alaska einst eine russische Kolonie war, zeigt sich noch heute an vielen Ortsnamen auf der Kenai-Halbinsel, wie Kasilof, Ninilchick, Kalifonsky oder Nikolaevsk. In Diensten von Peter dem Großen erreichte der Däne Vitus Bering 1741 das nordamerikanische Festland am Golf von Alaska vor den St. Elias Mountains und nahm den Küstenstreifen für den Zaren in  Besitz. Russische Trapper und Pelzhändler besiedelten anschließend das Land. Besonders an den Kirchen mit den hübschen Zwiebeltürmen und den Friedhöfen mit den typisch orthodoxen weißen Doppelkreuzen auf den Gräbern ist zu erkennen, dass noch viele Menschen russischen Ursprungs hier leben.

Wir befinden uns auf dem Südufer des Cook Inlet. Gegenüber auf dem Nordufer liegen die beeindruckenden Chigmit Mountains mit ihren über 3000 m hohen aktiven Vulkanen, von denen der Mt. Redoubt 2009 das letzte Mal ausgebrochen ist. Sie sind verantwortlich dafür, dass Alaska ständig durchgerüttelt wird.

Die Gewässer der Kenai Halbinsel sind ein Paradies für Angler und Fischer, und besonders natürlich in dieser Zeit der Lachswanderungen. Wir gewinnen den Eindruck, die einzigen zu sein, die ohne Angelausrüstung unterwegs sind. Von Nah und Fern strömen sie herbei, um u. a. im berühmten Kenai River und in anderen Flüssen sowie an den Küsten zu angeln. Die Campingplätze sind überfüllt und teuer, selbst für Übernachtungen auf einfachen Parkplätzen sind bis zu 20 $ Gebühren zu entrichten.

Ein Angeln, besser Fischen, der besonderen Art beobachten wir im Mündungsbereich des Kasilof River: Dicht an dicht stehen die Menschen bei Ebbe im seichten Wasser mit sog. Dipnets. Ein großes Netz am Ende einer langen Stange wird einfach ins Wasser gehalten, und die Lachse, auf ihrem Weg zu den Laichgründen, schwimmen hinein. So verschwinden Zigtausende von Lachsen in den bereitgestellten Kühlboxen. Diese Art zu fischen ist nur Alaskanern und nur bis zu einem bestimmten Datum gestattet. Nach unseren Informationen darf jeder Haushalt 25 Lachse und zusätzlich 10 Lachse pro Haushaltsmitglied fischen. Glücklich der, der eine große Familie hat! Wir können das Spektakel kaum fassen und sind sehr erstaunt über die ungeheure Menge, die gefischt werden darf, zumal das Angeln in den Flüssen sehr reglementiert ist. Und nachdem die Flut eingesetzt hat, und die Amateure sich zurückgezogen haben, fahren die Profis in ihren Fischerboote hinaus, um ihre riesigen Netze einzuholen. Uns erscheint es wie ein Wunder, dass bei diesem Raubbau überhaupt noch Lachse ihre Laichgründe erreichen!

Der Gezeitenunterschied hier ist enorm und beträgt über 10 m, und so mancher Bootsführer unterschätzt das schnell ablaufende Wasser und sitzt dann im Schlick viele Stunden fest. Das passiert leider einem Paar mit ihrem Boot, wie wir von unserem super Nachtplatz am Strand sehen können. Wir beobachten die sich entwickelnde Ehekrise und glauben schon, einschreiten zu müssen, als die Frau auf ihren Mann einschlägt. Aber sie vertragen sich wieder und harren aus, bis die Flut das Boot wieder flott macht.

Am Strand von Ninilchick kommen wir mit einer Eskimo-Familie ins Gespräch, die gerade ein Stück Elchfleisch für das Frühstück des nächsten Morgens über dem offenen Feuer braten. Wir erfahren, dass sie aus einem kleinen Dorf an der Nordküste Alaskas stammen, in dem das Leben zumindest hinsichtlich der Nahrungsbeschaffung noch sehr ursprünglich und einfach ist: Alle essbaren Land- und Wassertieren sind Nahrung. Sie berichten stolz, dass in ihrer Dorfgemeinschaft Boote und andere teure Geräte gemeinsam angeschafft werden, um damit wiederum gemeinsam Nahrung nach traditioneller Art zu sammeln und zu jagen. Aber sie verschließen sich auch nicht dem Fortschritt. Sehr glücklich ist das Familienoberhaupt über sein Mobiltelefon: Die Dorfgemeinschaft, d. h. der Stamm, besitzt einigen Grundbesitz und Gebäude in Seward, die von einer kommunalen Gesellschaft verwaltet werden, und in deren Vorstand er sitzt. Und so kann er per Telefon an den Vorstand-Meetings teilnehmen, während er mit Pick-up und Zelt Urlaub mit seiner fünfköpfigen Familie macht. Die Berichte über den Rückgang der Lachse in den Flüssen hält er schlicht für falsch. Im Gegenteil gäbe es eine Überpopulation an Lachsen, da in vielen Flüssen in Naturschutzgebieten und unzugänglichen Regionen nicht geangelt werden darf bzw. kann. Diese Aussage, die in offensichtlichem Widerspruch zu allem steht, was wir bisher über die Abnahme der Lachsbestände gehört haben, macht uns allerdings sehr stutzig. Wir wollen nicht ausschließen, dass die Indianer- und Eskimostämme Alaskas ihre eigene Agenda zum Thema Bestandsschutz haben! Trotz dieser kleinen Verwirrung: Die Zusammenkunft mit Menschen aus anderen Kulturkreisen, das Lernen über ihren Weg zwischen Traditionen und Adaption neuer („westlicher“) Verhaltensweisen, ist immer wieder das Salz des Reisens. Zum Abschied bekommen wir jede Menge Tipps für unseren weiteren Weg auf der Kenai-Halbinsel mit auf den Weg.

Der laut Reiseführer „idyllische Fischerort“ Homer mit „klassischem Alaska-Flair“ ist heute ein touristischer Ort mit überfüllten Campingplätzen (im Sommer). Kein Wunder, denn nicht von ungefähr nennt sich Homer „Halibut Fishing Capital of the World“, wo beim jährlich stattfindenden „Halibut Derby“ bis zu drei Zentner schwere Heilbutte an Land gezogen werden. Ab 300 $ kann man zum Heilbuttangeln hinausfahren. Wir allerdings ziehen die günstigere Variante vor und erstehen im Fish Market frische Heilbutt- und Lachsfilets, die absolut köstlich schmecken. Allein deshalb schon hat sich die Fahrt hierher gelohnt. Und die Lage der sieben Kilometer langen Landzunge „Homer Spit“ ist schon einmalig, wenn man bei gutem Wetter auf die Gletscher auf der anderen Seite des Cook Inlet blickt.


In einigen Tagen müssen wir die bereits im Juni gebuchte Fähre von Whittier via Juneau nach Prince Rupert erreichen, und so bummeln wir allmählich über die Halbinsel zurück nach Norden. Wir folgen einem Tipp der Eskimo-Familie, die wir in Ninilchick kennengelernt haben und sehen abseits der Touristenpfade zum ersten Mal Sockeye und Chum Lachse beim Laichen. Vor unseren Augen beginnt das Leben einer neuen Lachs-Generation: Während das Weibchen für die Eier eine Mulde im Flusskies ausschwemmt, scharwenzeln einige Männchen herum, um im rechten Augenblick die Eier zu befruchten. Sobald das geschehen ist, beginnt das Weibchen, die Mulde wieder mit feinem Kies zu bedecken. Bis zum späten Winter oder Frühling entwickeln sich die Eier langsam zu jungen Lachsen. Danach, je nach Spezies, verbleiben sie schutzsuchend eine Zeitlang im Frischwasser oder beginnen sofort ihre Migration flussabwärts zum Meer. Der Prozess des Übergangs der jungen Lachse von Frischwasser ins Salzwasser wird „smolting“ genannt. Sobald die Lachse Salzwasser erreicht haben, wachsen sie sehr schnell, und je nach Spezies verbleiben sie zwischen einem und sechs Jahren im Meer, bevor sie in den Flusslauf ihrer Geburt zurückkehren. Bis heute ist nicht völlig geklärt, wie die Fische den weiten Weg zurück zu ihrem Geburtsort finden! Außerdem ist der Rückweg gefährlich – siehe oben. Gewöhnlich überleben weniger als drei Prozent der jungen Lachse, um als erwachsene Tiere wieder für die nächste Generation sorgen zu können. Nach dem Laichen sterben alle Lachse innerhalb kurzer Zeit, und für viele Tiere des Waldes beginnt damit ein unglaublicher Festschmaus!

Doch der Tipp unserer Eskimos kommt noch viel besser: Sie hatten uns vorgewarnt, dass sich Grizzly-Bären hier herumtreiben könnten – wir sollen die Augen aufhalten. Und prompt begegnen uns zwei fischende Muttertiere mit Nachwuchs. Ein tolles Spektakel – mit reichlich Nervenkitzel!

Auf unserem weiteren Weg nach Whittier machen wir Halt am Portage Lake. Wir hatten geplant, zum Byron Gletscher zu laufen, aber es ist plötzlich windig, kalt und regnerisch geworden, so dass wir uns stattdessen im Visitor Center einen schon wegen der fantastischen Aufnahmen sehenswerten Film über den Portage Glacier und seine Umgebung anschauen. Und in diesem Film wird dem Abschmelzen der Gletscher endlich einmal etwas Positives abgewonnen! Dort, wo sich kein Eis mehr befindet, kann sich endlich wieder Flora und Fauna ansiedeln! Das könnte von Donald stammen, oder? Der Landweg nach Whittier führt durch den vier Kilometer langen einspurigen, auch von der Eisenbahn befahrenen Anton Anderson-Tunnel, der auch für unseren Wagen hoch genug ist. Das Wetter in Whittier ändert sich nicht: Wenn es mal nicht regnet, stürmt es. Zur Aufmunterung und zum Aufwärmen gönnen wir uns im Inn Hotel noch einmal leckeren Lachs, vielleicht das letzte Mal. Der heute 200 Einwohner zählende Ort geht auf einen im 2. Weltkrieg vom US Militär errichteten Tiefwasserhafen am Prince William Sound zurück, der 1989 durch die Havarie der Exxon Valdez weltweit traurige Berühmtheit erlangte.


Rückkehr nach Kanada
Pünktlich am 13. August, um kurz vor Mitternacht, legt unsere Fähre nach Juneau ab. Zum Tagesausklang und Fast-schon-Abschied von Alaska wollen wir uns in der Bar noch ein Bier genehmigen. Aber auf diesem Schiff gibt es Alkohol nur zum Lunch und zum Dinner. Überraschend, aber kein Problem. Ein Problem haben wir mit dem unterkühlten Schiff, und dass die Klimaanlage in unserer Kabine nicht einzustellen ist. Vermutlich liegt es daran, dass vor Alaska auf dem Meer bekanntermaßen immer hohe Temperaturen herrschen, und man vorbereitet sein will. Jedenfalls schlafen wir mit dicken Pullovern und Mützen unter drei Wolldecken. Unsere Erkältung, die wir seit Denali immer noch mit uns herumschleppen, „is not amused“. Hinzu kommen das unfreundliche Personal und kaltes Essen, bis der Kassierer endlich die richtige Taste auf dem Kassenbildschirm gefunden hat. Aber es gibt ja eine Do-it-yourself-Mikrowelle zum Aufwärmen, wozu also das Meckern? Immerhin ist eines unserer Lieblingsgerichte, ein nicht schauderhafter Chowder (Meeresfrüchteeintopf), im Angebot.

Am 15. August erreichen wir um 13:00 h Juneau. Am Fährterminal erfahren wir, dass die Anschlussfähre nach Prince Rupert wegen technischer Probleme am nächsten Tag 8 ½ Stunden später auslaufen wird. Auch kein Problem, denn so haben wir etwas mehr Zeit, uns die recht abseits gelegene, nur per Schiff oder Flugzeug zu erreichende Hauptstadt Alaskas anzusehen. So, wie an vielen anderen Orten Alaskas, begann auch Juneaus Geschichte 1880 mit der Entdeckung von Gold: Joe Juneau und Richard Harris wurden am später so genannten „Gold Creek“ fündig. Dank des danach einsetzenden Goldrausches war Juneau bald die bedeutendste Stadt Alaskas und wurde 1906 zur Hauptstadt ernannt. Es gab in jüngerer Vergangenheit mehrere Anläufe, diese verkehrstechnisch extrem unpraktische Hauptstadt in das Kernland zu verlegen. Allein die damit verbundenen Kosten in Milliardenhöhe verhinderten das bisher. Wir nutzen die Zeit, um zum Gletschersee des 19 km langen und über 2 km breiten Mendenhall Gletschers (Teil des Juneau Eisfeldes) und zu den Nugget Falls zu laufen. Eigentlich wollen wir eine Tour zu den Eishöhlen unter dem Gletscher machen. Aber wir erfahren, dass die Eishöhlen eingestürzt sind, obwohl sie auf der aktuellsten Ausgabe der Juneau-Touristenzeitung prangt. Nach einigen Monaten in den USA und Kanada wissen wir inzwischen: Nirgendwo wird soviel gelogen und mit uralten Fotos geködert, wie in den Marketing-Abteilungen der diversen Tourismus-Entwicklungseinrichtungen Nordamerikas! Auch viele Kreuzfahrtschiffe laufen Juneau an, und praktischerweise liegt das Terminal direkt vor Downtown, nur ein Katzensprung entfernt von Souvenirläden und Restaurants.

Am nächsten Tag genießen wir bei Sonnenschein das Ablegen unserer nächsten Fähre nach Prince Rupert und werfen einen letzten Blick auf die Stadt und die umgebenden Gletscher. Auf diesem Schiff funktioniert die Klimaanlage, dafür gibt es gar keinen Alkohol, auch nicht zu den Mahlzeiten. Wer Alkohol heimlich mit an Bord bringt und beim Trinken erwischt wird, muss mit dessen Konfiszierung rechnen. Ob weitere Strafen wie Aussetzen in einem Boot oder Verfüttern an die Wale vorgesehen sind, konnten wir nicht herausbekommen. Sind wir vielleicht auf einem muslimischen Schiff gelandet? Die sogenannte Inside Passage, durch die das Schiff nun fährt, ist ein Weg durch ein gigantisches Inselgewirr vor dem Alaska Panhandle. Die Gewässer werden durch die Inseln vor dem rauen Pazifik geschützt, und wir gleiten durch ruhiges Wasser entlang einer beeindruckenden Küstengebirgslandschaft. Gletscher ergießen sich hinab ins Meer, kleine Eisberge treiben auf dem Wasser und eine Walschule (-herde?) zieht vorbei. Bis zum Zielhafen legt die Fähre viermal bei kleinen Inselorten an, die, wie Juneau, nur per Schiff oder (Wasser-)Flugzeug erreichbar sind. In Kake werden Passagiere der First Nation von kostümierten Stammesmitgliedern mit lauten Gesängen auf der Pier begrüßt, und vom Oberdeck antwortet eine junge Frau ebenfalls mit Trommel und Gesang - sehr beeindruckend.

Es gibt Länder, in denen müssen wir gewesen sein, um anschließend zu wissen, dass wir dort nicht gewesen sein müssen. Zugegeben, das  ist etwas provokant, doch das Alaska, wie wir es uns seit unserer Jugend, seit Jack London, vorgestellt haben, Weite, Wildnis, Einsamkeit und Tiere, gibt es nur noch dort, wo man sich entweder für sehr viel Geld per Flugzeug oder Boot hinbringen lassen oder viele Tage oder sogar Wochen in die Einsamkeit wandern oder paddeln muss. All das haben wir nicht gemacht. Wir haben das relativ überschaubare Straßen- und Pistennetz mit dem Auto bereist, doch dummerweise haben das noch viele Zigtausend andere Reisende auch getan. Und so gab es wieder einmal die so beliebten Schilder "Campground full". Gar kein Zweifel: Alle Amerikaner (und auch ziemlich viele Deutsche, auch solche aus Maschen) über 65 wollen, bevor sie sich die Radieschen von unten ansehen, noch unbedingt einmal in Alaska gewesen sein, und das natürlich in den Sommermonaten. Ganz selten haben wir etwas von dem „Alaska-Feeling“ gespürt, wie z. B. auf dem Denali Highway. Die Landschaften waren teilweise atemberaubend, und Glück hatten wir, dass wir noch Tiere in freier Wildbahn beobachten konnten, wenn auch interessanterweise eher außerhalb des berühmten Nationalparks. Die Menschen waren freundlich, US-Amerikaner eben, mit einem deutlichen Schuss Verschrobenheit, und wenn es wirklich einmal zu intensiveren Gesprächen kam, waren diese interessant und haben unser Wissen immer bereichert.

Am späten Abend des 17. August erreichen wir Prince Rupert. Es dauert eine  Weile, bis wir von Bord sind und die Immigration passiert haben – willkommen zurück in Kanada! Jetzt liegen nur noch schlappe 7000 km bis Halifax vor uns, wo wir Anfang Oktober eintreffen müssen. Doch darüber im nächsten Bericht mehr.

Bis dahin alles Gute,
Bettina & Rolf

Auf dem Trans Canada Highway, im August/September 2018
 
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