Trans-Kanada Trans-Atlantik - Bettina & Rolf Sparthmann unterwegs!

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Unterwegs in Saskatchewan-Kanada
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Trans-Kanada und -Atlantik
August bis Oktober 2018

Abstecher nach Kitimat
Nachdem uns die Fähre aus Alaska zurück nach Kanada (Whittier – Juneau – Prince Rupert) gebracht hat, ist Kitimat unser erstes Ziel. Hier besuchen wir unsere Freunde Heike und Kurt, die Urlaub machen. Kurt ist leidenschaftlicher Angler. Wir hoffen, ihn beim erfolgreichen Angeln beobachten zu können und spekulieren auf ein frisches Lachsfilet, aber in diesem Jahr sind die Aussichten auf einen guten Fang schlecht: Seit Monaten hat es nicht geregnet, der Wasserstand der Flüsse ist so niedrig, dass die Lachse nicht zu ihren Laichgründen gelangen können und somit auch nicht an Kurts Angelhaken. Kurzerhand gibt es für uns ein Ersatzprogramm: Kurt zeigt uns die Umgebung von Kitimat, u. a. auch eine Lachsaufzucht. Nach Erreichen einer bestimmten Mindestgröße werden die sehr jungen Lachse in den Flüssen der Umgebung ausgesetzt, und an der Aussetzstelle beginnt ihr genetisch (?) verankerter Lebenszyklus: Exakt an diese Stelle werden die Lachse in einigen Jahren zum Laichen zurückkehren. Es kommt immer wieder vor, dass junge Lachse durch ein Entwässerungsrohr aus der Zuchtstation entwischen. Ihr Lebenszyklus-Startpunkt ist folgerichtig das Aufzuchtbecken hinter dem Entwässerungsrohr. Gebannt beobachten wir die nicht nachlassenden Versuche der Tiere, zum Laichen in das Rohr eindringen zu wollen! Was ihnen nicht gelingt, weil die Strömungsgeschwindigkeit zu hoch ist. Immer wieder stehen wir staunend vor den (nicht unter allen Umständen sinnvollen) Fähigkeiten, die Mutter Natur ihren Geschöpfen mitgegeben hat!

Wir verabschieden uns von Heike und Kurt und machen uns auf die lange Reise von West nach Ost, vom Pazifik zum Atlantik quer durch Kanada. Infolge der Trockenheit lodern in British Columbia schon seit Wochen über 500 Waldbrände, und wir befürchten, nicht weiter nach Osten vordringen zu können. Aber die Hauptverkehrsstraße (der Yellowhead Highway; die Kanadier lieben es, ihren Straßen, und sei es auch nur eine abgelegene Schotterpiste, klangvolle Namen zu geben) ist passierbar. Wir fahren allerdings 1000 km durch rauchgeschwängerte Luft mit Sichtweiten teils unter 50 m. In Moricetown haben wir vor 15 Jahren schon einmal die Indianer beobachtet, wie sie gefährlich nah am Rand des Canyons mit an langen Stangen befestigten Netzen Unmengen von Lachsen gefangen haben. Dieses Schauspiel wollen wir uns noch einmal ansehen und sind erstaunt, wie viel sich geändert hat: Es wurden Laufstege auf den Felsen errichtet, die Fischer tragen Sturzhelme und sind mit Leinen gesichert. Und - es gibt kaum Lachse.

Ganz entgegen unseren Gewohnheiten vergrößern wir unsere Tagesetappen auf 300 bis 400 km, um dem Rauch zu entfliehen. In Jasper ist es kühl und regnerisch, und so ist uns das warme Wasser der Miette Hot Springs gerade recht. In Edmonton, der 1,3 Mio. Einwohner zählenden Hauptstadt Albertas, besuchen wir nur eine riesige Mall, um unsere Lebensmittelvorräte wieder aufzustocken. Nach Erledigung unserer Einkäufe verlassen wir die Stadt auf kürzestem Weg.

Zentral-Kanada
Wir folgen mit einigen Schlenkern nach rechts und links dem Yellowhead Highway nach Osten, durch Saskatchewan, Manitoba und Ontario. Die Landschaft ist geprägt von Getreide- und Rapsfeldern sowie Weideflächen, die jedoch durch kleine Wäldchen, Hügel sowie Seen- und Feuchtgebiete aufgelockert wird. Die Prärien sind nach unserem Empfinden keineswegs so monoton und ohne landschaftliche Reize, wie immer wieder berichtet wird. Es ist schon herbstlich, und im Marschgebiet des Foam Lake sammeln sich Kanadagänse und Kraniche, um bald in wärmere Gefilde zu ziehen. Im kleinen Ort Inglis, wir sind bereits in Manitoba, besichtigen wir fünf alte Getreidesilos noch aus Holz, die zwischen 1920 und 1940 erbaut wurden. Die ersten Silos gehen auf das Jahr 1880 zurück, und um 1930 standen entlang der kanadischen Eisenbahnlinien 7000 dieser Getreidespeicher. Damals nannte man die Prärien mit ihren riesigen Weizenfeldern den „Brotkorb der Welt“. In den letzten Jahren hat der Getreideanbau, insbesondere der Weizenanbau, einen erheblichen Niedergang erlebt, und viele Orte sind halb verwaist.

Östlich von Winnipeg wollen wir dem Whiteshell Provincial Park mit seinem Vogelschutzgebiet einen Besuch abstatten. Es ist eine wenig befahrene Straße, und wir stellen bald fest, dass uns seit längerem ein PKW folgt, der jedes unserer Manöver bis hin zum Faststillstand am Straßenrand mitmacht, insbesondere nicht überholt. Das ist uns unheimlich, und in einem kleinen, leider menschenleeren Ort halten wir deshalb vor einem Ladengeschäft an. Der PKW hält neben uns, ein Mann steigt aus. Rolf öffnet das Fenster und fragt ihn, warum er uns verfolgt. Der Mann ist sehr aggressiv, behauptet zunächst, wir hätten ihm den MAN entwendet, dann, dass wir aussteigen und ihm die Wohnkabine öffnen sollen, damit er die Ladung inspizieren kann. Wir weigern uns, fordern ihn auf, die Polizei zu rufen. Die Sache spitzt sich immer mehr zu. Schließlich reißt der Mann die Fahrertür auf, die Rolf leichtsinnigerweise nicht verriegelt hat und versucht, ihn vom hohen Fahrersitz herunterzureißen, zerfetzt dabei dessen Kleidung. Wir schreien ihn beide an, und, oh Wunder, der Typ lässt ab! Seine letzten Worte, bevor er in seinen Wagen springt: „Dann sprengen wir Euch eben in die Luft“. Wir sind ziemlich geschockt, da wir auf eine solche Situation nicht vorbereitet waren. Der Ladenbesitzer, vor dessen Tür sich die Szene abgespielt hat, hat von all dem nichts mitbekommen, da seine Fensterjalousien geschlossen sind. Auch er ist total entsetzt und erlaubt Rolf, sein Festnetztelefon zu benutzen – unser Mobiltelefon findet kein Netz. Rolf schildert der Polizei den Vorfall, der zwar aufgenommen, aber in den Akten verschwinden wird, denn wir haben in der Hektik das Autokennzeichen nicht notiert. Uns ist die Lust auf das Vogelschutzgebiet vergangen, wir verlassen so schnell wie möglich die Gegend und suchen uns einen 80 km weiter östlich liegenden Campingplatz. Unser dortiger Nachbar ist ein pensionierter Polizeibeamte, dem wir, nachdem er einen etwas misstrauischen Blick auf Rolfs zerrissene Kleidung geworfen hat, die Begebenheit schildern. Wir erfahren von ihm, dass am Tag zuvor in Winnipeg vier Männer um sich geschossen und einen Polizisten schwer verletzt haben. Drei der Männer wurden gefasst, einem gelang die Flucht. Er spekuliert, dass es der vierte Mann auf der Suche nach Waffen war, dem wir unglücklicherweise begegnet sind, dass er unser deutsches Nummernschild für ein US-amerikanisches gehalten und darauf spekuliert hat, dass Amerikaner ja immer Schießeisen bei sich haben. Ganz offensichtlich waren wir zur falschen Zeit am falschen Ort, und Mexiko ist gefährlich, aber Kanada ist sicher - war es nicht so?   ;-)

Am nächsten Tag mündet der Yellowhead Highway in den Trans Canada Highway. Wir überschreiten die Grenze zu Ontario und erreichen bald den größten Frischwassersee der Erde, den 82.100 qkm großen Lake Superior, in dessen Mitte die Grenze zu Michigan, USA, verläuft. Von dem riesigen See sehen wir wegen dichten Nebels so gut wie nichts. Wir nähern uns der Provinz Québec, und viele Orte tragen bereits französische Namen. Das Wetter ist wechselhaft, und die Tagestemperaturen schwanken zwischen 13 und 29 C. Toronto, Ottawa und Montreal lassen wir rechts liegen. Die sog. Highways sind überwiegend nur zweispurig mit geschotterten Seitenstreifen, haben über Tausende von Kilometern nicht einmal das technische Niveau einer mittelprächtigen deutschen Bundesstraße, und für die PKWs und LKWs, die mit 120 km/h daher rauschen (in Nordamerika gibt es keine gesonderte Maximalgeschwindigkeit für LKWs wie in Europa), sind wir viel zu langsam. Obwohl wir oft rechts herausfahren, um die schnelleren Fahrzeuge passieren zu lassen, wird uns oft der "Stinkefinger" gezeigt, und insbesondere die Riesen-Trucks mit ihren zwei Anhängern fahren riskante Überholmanöver. In der Kategorie „Unangenehmes Fahren“ schwingen sich Zentral- und Ost-Kanada im Wettstreit der Nationen mühelos zu einem Spitzenplatz empor.

Québec
Hinter Kanadas Hauptstadt Ottawa kommen wir in die Provinz Québec. Die ersten Franzosen landeten hier 1535 und gründeten 1608 die Stadt Québec City. Bis heute wird vornehmlich Französisch gesprochen, und auch die Straßenbeschilderung ist einsprachig, während der Englisch-sprechende Rest Kanadas sich mit zweisprachigen Schildern abmüht. Seit 1976 gab es zwei Referenden, um die Unabhängigkeit Québecs vom restlichen Kanada zu erlangen, doch in beiden Abstimmungen erlitten die Separatisten eine Niederlage.

Am Ufer des St. Lorenz-Stroms hatten wir eine einsame Flusslandschaft erwartet. Wie naiv! Alles ist dicht besiedelt, und wir haben Mühe, Nachtplätze zu finden. Der St. Lorenz ist der drittgrößte Fluss Nordamerikas und entwässert durch die großen Seen in den Atlantik. Von seiner Quelle in Minnesota, durch die großen Seen, bis zur Trichtermündung in den Atlantik sind es ca. 3500 km. Am Stadtrand von Québec City lassen wir uns auf einem Campingplatz nieder und erkunden von dort aus die sehr sehenswerte Altstadt, die seit 1985 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Für europäische Verhältnisse ist die über 400 Jahre alte Stadt noch jung, aber eine der ältesten und für uns schönsten Städte Kanadas und der USA. Und es ist die einzige Stadt nördlich der mexikanischen Grenze, die von einer Stadtmauer umgeben ist, die zurzeit aufwändig restauriert wird. Die ca. 4,5 km langen gut erhaltenen Befestigungsanlagen sind Teil eines Verteidigungssystems, das zwischen 1608 und 1871 errichtet wurde. Wir jedenfalls sind unglaublich froh, nachdem wir bereits 6.000 km zwischen uns und Pazifikküste gebracht haben, endlich einmal wieder etwas Interessantes und Schönes zu sehen, wie alte geschichtsträchtige Gebäude, kopfsteingepflasterte Gassen mit bunten Häusern und netten Cafés - sprich: Alte Steine und Lebensart.

Das 1893 erbaute, angeblich meist fotografierte Hotel der Welt, das „Le Chateau Frontenac“, liegt majestätisch auf einem Hügel oberhalb des St. Lorenz-Stroms. Einige der Großen der Welt haben hier schon genächtigt. Während des Zweiten Weltkrieges planten Premierminister MacKenzie King, Winston Churchill und Franklin Roosevelt hier den sog. D-Day.

Da wir auf einen Besuch der Niagara-Fälle verzichtet haben, kommt uns der Wasserfall „Belvedere de la Baronne“ nahe der Stadt im Park Chute-Montmorency gerade recht. Außerdem ist er mit 82 m ganze 30 m höher als die Niagara-Fälle. Na ja, vielleicht nicht ganz so spektakulär. Der Besuch von Québec City hat uns nach der langen und ereignislosen Fahrt durch Mittelkanada wieder etwas versöhnt.

New Brunswick und Prince Edward Island
Hinter Québec kommen wir in die Provinz New Brunswick, deren größte Sehenswürdigkeit nach eigenem Bekunden die Hopewell Rocks sind. Bei den aufragenden Felsen handelt es sich um bizarre Sandsteinformationen, die bei Ebbe mit einem Tidenhub von 14 m trockenfallen, sodass man zwischen ihnen hindurch laufen kann. Dass der hier mündende Fluss Petitcodiac River auch Chocolate River genannt wird, erklärt sich durch den Eisenoxyd-braunen Schlick. Und diese Farbe haben dann nach der Wanderung auch unsere Schuhe und Kleidung angenommen.

Über die 12 km lange Confederation Bridge fahren wir in die kleinste Provinz Kanadas, auf die Prince Edward Island. Zehn Tage bleiben wir auf der Insel, lassen es langsam angehen, genießen freie und teilweise sehr schöne Standplätze und schöne Landschaften: Sanfte grüne Hügel, Felder und Wiesen und schnuckelige kleine Häfen erinnern uns an die Gegend um die Schlei herum, mit einem Schuss Rügen. Die ausgesprochen freundlichen Bewohner leben von der Landwirtschaft, der Fischerei und vom Tourismus. Die Grundstücke sind sehr gepflegt und überwiegend von pflegeleichten Rasenflächen mit dem einen oder anderen Hortensien-Busch umgeben. Es muss so etwas wie eine Rasenschnitthöhenverordnung geben, denn überall sind die Grashalme gleich hoch. Oder vielleicht kommt das Spielzeug für Männer, der Aufsitzrasenmäher, vorjustiert zum Einsatz? Den kleinen Ort Indian River erreichen wir am letzten Tag des gleichnamigen Festivals. In der 1902 im kolonial-gothischen Stil errichteten, in Kanada natürlich schon "historischen" Kirche St. Marys Church werden Konzerte gegeben. Die Akustik, auf die der Architekt seinerzeit sehr viel Wert legte, ist bemerkenswert, und nach einer Hörprobe ist klar, dass wir am Nachmittag dabei sein werden, wenn das Quartett „Ensemble Made in Canada“ ein Brahms-Konzert und 14 kurze Musikstücke kanadischer Komponisten präsentiert. Wir haben es nicht bereut.

Nova Scotia
Wir verlassen Prince Edward Island per Fähre und gelangen in die östlichste Festlandprovinz Kanadas Nova Scotia (Neu Schottland). Die Provinz hat eine bewegte Geschichte: Als sich 1605 die ersten Franzosen niederließen, hatten hier bereits seit Tausenden von Jahren Indianer gelebt. Später kamen die Engländer, die nach kriegerischen Auseinandersetzungen 1755 die Franzosen deportierten. Von nun an kamen immer mehr Hochlandschotten ins Land (viele Ortsschilder sind zweisprachig, aber nicht etwa Englisch und Französisch, sondern Englisch und Gälisch!), und später kehrten auch die Franzosen zurück.

Über den Canso Damm gelangen wir auf die Cape Breton Insel, ebenfalls ein Teil von Nova Scotia. Acht Tage erkunden wir die Insel, fahren meist an den Küsten entlang bis zum nördlichsten Punkt, Meat Cove, und finden fast immer gute freie Stellplätze. Im Cape Breton Highlands National Park geht es zum Wandern auch mal wieder in die maximal 535 m hohen Berge. Es gibt hübsche Wanderwege und mal gutes, mal schlechtes Wetter. In Baddeck besuchen wir ein Museum, das sich der Geschichte des aus Schottland stammenden Erfinders und Unternehmers Alexander Graham Bell widmet. Dieser ausgesprochen kreative Mann hat das Telefon erfunden und die Bell Telephone Company gegründet, die sich später zum weltweit größten Telekommunikationskonzern AT&T entwickelte. Bis zu seinem Tod beschäftige Bell sich mit weiteren Erfindungen und Verbesserungen auf vielen technischen Gebieten (Flugzeuge, Hydrofoils) und mit Untersuchungen zur Sprachtherapie, denn seine Frau war von Geburt an taub.

Im Cape Breton Miner’s Museum führt uns ein ehemaliger Minenarbeiter durch die alten unterirdischen und teilweise auch unterseeischen Stollen, wo unter härtesten Bedingungen Kohle abgebaut wurde. Nur in gebückter Haltung kann man durch die Stollen laufen (und arbeiten), wobei kleinere Menschen hier enorm im Vorteil waren .... und sind. Anfang der 1960er wurde die Minen unrentabel und schließlich stillgelegt, und Tausende von Minenarbeitern wurden arbeitslos.

Louisbourg empfängt uns mit Sturm und Regen, jedoch mit einem wunderschön gelegenen Platz am Meer mit Blick auf die alte Festung. Wir sitzen das Wetter mit gutem Lesestoff und heißem Kakao aus. Als die Sonne wieder vom Himmel lacht, besuchen wir die alte französische Festung, deren Bau 1719 begann. Zweimal wurde die von Land her verwundbare Festungsstadt von den Engländern angegriffen und 1758 endgültig erobert und zerstört. 1961, als viele Minenarbeiter bereits ihren Arbeitsplatz verloren hatten, beschloss die Provinzregierung, den Arbeitern mit dem Wiederaufbau eines Viertels der Stadt und ihrer Befestigungsanlagen zumindest eine Übergangsbeschäftigung zu geben. Den Besuchern wird sehr anschaulich das Leben im 18. Jahrhundert präsentiert, und in der Bäckerei wird nach alter Tradition in einem Holz-befeuerten Ofen das sehr leckere Soldier’s Bread zubereitet – ein Besuch, der sich gelohnt hat.

Entlang des größten Sees von Nova Scotia, dem Bras d’Or Lake, und über den St. Peter’s Canal, der See und Meer verbindet, verlassen wir Cape Breton Island. An der zerklüfteten Ostküste von Nova Scotia zieht langsam, für uns zu langsam, um ihn noch in voller Schönheit erleben zu können, der Indian Summer mit den rot und orange gefärbten Laubbäumen ein. In Dartmouth erledigen wir die Formalitäten beim Verschiffungsagenten und lassen beim Auto-Glaser die beiden Steinschlaglöcher in der Windschutzscheibe reparieren. Und dann geht es zum meist besuchten Fischerort Kanadas, nach Peggy’s Cove. Kein Wunder, denn der kleine Ort mit dem 1868 auf den Granitfelsen errichteten Leuchtturm ist wirklich sehr hübsch. Der Name des Ortes entstand, als eine junge Dame, Peggy, ihren Verlobten besuchen wollte, und ihr Schiff in Seenot geriet. Peggy wurde von Fischern gerettet, und seit dieser Zeit nannten alle den Ort Peggy’s Cove. Im Restaurant am Leuchtturm genießen wir leckeren Chowder und eine Seafood-Platte und dürfen im Gegenzug auf dem Parkplatz übernachten. Am nächsten Morgen turnen wir auf den Granitfelsen herum und müssen aufpassen, vom starken Wind nicht weggeweht zu werden.

Als dann immer mehr Touristenbusse ankommen, flüchten wir nach Lunenburg, Kanadas älteste deutsche Siedlung mit langer Fischerei- und Schiffbautradition und seit 1995 UNESCO Weltkulturerbe. Hier wurde u. a. die "Bounty" für den Film "Meuterei auf der Bounty" nachgebaut. Neben Deutschen kamen auch Schweizer und Franzosen nach Lunenburg. Die bunten Holzhäuser sind sehr gepflegt und hübsch hergerichtet, und wir hören häufiger deutsche Stimmen. Trotzdem gefällt uns der Ort Mahone Bay, den wir auf der Rückfahrt besuchen, besser. Hier ist es viel lebendiger, und es ist gerade das „Vogelscheuchen-Festival“ im Gange, dessen Erschaffer viel Fantasie bewiesen haben.

Halifax
Es wird Zeit, nach Halifax zurückzukehren, denn in einigen Tagen soll die „Atlantic Sail“ uns und unseren Wagen an Bord nehmen. Ein Campingplatz in Dartmouth ist für die nächsten Tage bis zur Abgabe des Fahrzeugs unser Standort, denn den Wagen verschiffungsbereit zu machen, bedeutet immer einiges an Arbeit. Aber es bleibt auch Zeit, die Stadt Halifax zu erkunden, die wir per Bus und Fähre erreichen. Die Busfahrer sind auch hier, wie wir es schon oft auf unseren Reisen erlebt haben, ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Auf dem zentralen Hügel von Halifax liegt die Zitadelle, deren Bau 1749 begann. Wir kommen für den täglichen Mittagsschuss aus der Kanone (mit zugehaltenen Ohren), aber auch für die Wachablösung gerade recht. Die Besichtigung von Festungen geht zwangsläufig immer mit dem Heraufbeschwören von Krieg und Tod einher, was nicht gerade erbaulich ist.

Wir wenden uns daher schöneren Dingen zu, wie zunächst dem hübsch angelegten Public Garden im viktorianischen Stil. Für Bettina ist das Wichtigste der Besuch der Art Gallery of Nova Scotia und hier speziell die Ausstellung der Gemälde von Maud Lewis (1903-1970). Die von Geburt an stark behinderte Künstlerin hat trotz ihres schweren Schicksals nie den Mut verloren und in der Malerei ihre Erfüllung gefunden. Das kleine, nur 3 x 4 qm große Häuschen, in dem sie viele Jahre mit ihrem Mann lebte, und das sie liebevoll bemalt hat, wurde in der Ausstellung wieder aufgebaut, restauriert und ist nun zu bewundern. Die weiteren Ausstellungen in der Galerie beeindrucken uns weniger. Wir bummeln durch die Stadt und an der Wasserseite auf dem Boardwalk entlang. Viele kleine Geschäfte und Kioske hatten in der Nachsaison bereits geschlossen. Das jedoch ändert sich schlagartig, als sechs Kreuzfahrtschiffe in den Hafen einlaufen. Nun pulsiert hier das Leben! Um Souvenirs zu kaufen, müssen die Kreuzfahrer nicht weit laufen: Direkt an der Pier befindet sich der Halifax Seaport Farmers Market mit über 250 Souvenir-Verkaufsständen. Hier ist es uns zu quirlig, und auf dem Friedhof „Fairview Lawn Cemetery“ geht es ruhiger zu. Am 14. April 1912 verließen drei Rettungsschiffe Halifax, um nach einem viel zu spät erfolgten Notruf der "unsinkbaren" TITANIC Hilfe zu leisten. Über 1500 Menschen starben bei dieser Tragödie und viele der geborgenen Toten wurden auf diesem Friedhof beigesetzt.

Trans-Atlantik
Wir sind inzwischen von Dartmouth nach Halifax umgezogen. Unseren Wagen haben wir bereits im Hafen abgegeben und warten nun in einem Hotel auf die Ankunft der "Atlantic Sail", die uns und unser mobiles Heim nach Hause bringen soll. Nach zwei Tagen Verspätung, nämlich am 12. Oktober, stechen wir gemeinsam mit acht weiteren Passagieren und deren Wohnmobilen in See. Die Reederei ACL, eine Grimaldi-Tochtergesellschaft, ließ das CoRo-Schiff (Container, Roll-on, Roll-off) in China bauen und stellte es erst vor zwei Jahren in Dienst. Alles an dem Schiff kommt aus China, auch die Einrichtung: Das Schiff ist weich (schwingt bei Brechern lange nach; der in Liverpool an Bord gekommene Technische Inspektor der britischen Küstenwache gibt ihm nicht mehr als 10 Jahre Lebensdauer), die Betten sind bretthart, und die Sitzmöbel unbequem. Von allzu stürmischem Wetter werden wir verschont, obwohl wir in die Rückseiten-Ausläufer des Hurrikans "Michael" geraten. Aber dank der umsichtigen Kurswahl des Kapitäns, die uns erst einmal weit nach Süden bringt, haben wir Wind von achtern. Die gesamte Crew (überwiegend Bulgaren und Philippinos) einschließlich Kapitän ist ausgesprochen freundlich und hilfsbereit, und dem Koch John gelingt es, abwechslungsreiche Mahlzeiten zuzubereiten - und auf höfliches Bitten gibt es auch 'mal eine Extra-Portion Eis! Mit den anderen Passagieren unterhalten wir uns prächtig in einem wilden Mix aus Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch.

Wir machen einen 24stündigen Zwischenstopp in Liverpool und haben Gelegenheit, uns die wirklich sehr sehenswerte Stadt anzusehen. Wir begeben uns auf die Spuren der Beatles, der „Fab(ulous) Four“, aber auch anderer Rock-'n-Roll-Größen, und erkunden das populäre, seit 2004 zum UNESCO Weltkulturerbe gehörende Hafenviertel mit dem berühmten Albert Dock. Es gäbe noch sehr viel mehr zu sehen in dieser interessanten Stadt, in die wir sicherlich eines Tages mit mehr Zeit zurückkehren werden. Während der letzten zwei Tage unserer "Kreuzfahrt" beschert uns der Wettergott Sonne pur, sodass wir trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit die meiste Zeit an Deck verbringen. Am 23. Oktober, früh um 05:30 Uhr, dümpeln wir auf der Elbe an Blankenese und der erleuchteten Elbphilharmonie vorbei und wissen nun: "Wi sünd wedder tohuus".

Nach einem letzten gemeinsamen Frühstück verabschieden wir uns von der Crew und den Mitreisenden und tauschen Adressen aus. Gegen 12:00 h sind alle Formalitäten erledigt, und wir rollen aus dem Hafen, und - pünktlich zu unserer Ankunft regnet es nach monatelanger Trockenheit in Deutschland Bindfäden! Obwohl wir entgegen unseren sonstigen Gepflogenheiten diesmal im Herbst (grrrrrrr....) nach Hause kommen, sind wir doch froh über ein Wiedersehen mit Familie und Freunden und die vielen luxuriösen Annehmlichkeiten des ganz normalen täglichen immobilen Lebens.

Fazit
Nach der Kirche ist man immer schlauer: Hätten wir gewusst, wie wenig uns in Mittel- und Ostkanada erwartet, hätten wir auf die elend lange, oft auch stressige und eintönige Fahrt quer durch Kanada verzichtet und unseren Wagen von der Pazifikküste zurück verschifft. Ja, Québec City hat uns sehr gut gefallen. Und auf Prince Edward Island und in Nova Scotia war es recht nett, aber eben nur nett. Unserer Meinung nach lohnt sich die wenig attraktive Fahrt über Tausende von Kilometern nicht.

Ach ja - und noch eine Erkenntnis: Die Erde ist rund, möglicherweise eine Kugel!

Nun wieder zuhause werden wir uns erst einmal sortieren und über neue Projekte nachdenken müssen, denn den größeren Teil aller Länder, die man heute noch halbwegs sicher mit einem Wohnmobil bereisen kann, haben wir mit unserem jetzigen Gefährt und seinen Vorgängern bereits kennengelernt. Deswegen wird es, zumindest vorerst, auch keine weiteren Reiseberichte geben. Und deshalb verabschieden wir uns, zumindest vorerst, von allen Lesern unserer Seite, die uns über nun schon 11 Jahre die Treue gehalten haben! Danke! Es hat uns viel Freude gemacht, Sie/Euch mitzunehmen und an unseren Erlebnissen teilhabenzulassen!

Diese Seite wird, zumindest vorerst, weiter im Netz erreichbar bleiben. Und vielleicht gibt es eines Tages eine Fortsetzung?


Bis dahin, nicht nur vorerst, alles Gute,
Bettina & Rolf

Maschen/Deutschland, im November 2018
 
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